Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: GesundheitskompetenzGesundheitskompetenz im Kontext von „Behavioural and Cultural Insights“

Anlässlich der BVPG-Statuskonferenz „Gesundheitskompetenz fördern – Lebensqualität erhalten und verbessern“ sprechen wir mit Dr. Susanne Jordan und Prof. Dr. Julika Loss, beide Robert Koch-Institut (RKI), über Gesundheitskompetenz und den Ansatz „Behavioural and Cultural Insights (BCI)“ und darüber, wie sie für Prävention genutzt werden können.

Was ist eigentlich unter „Behavioural and Cultural Insights“ zu verstehen und was unterscheidet diesen Ansatz von der Gesundheitskompetenz?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) übersetzt den englischen Begriff „Behavioural and Cultural Insights“ wörtlich mit „verhaltensbezogene und kulturelle Erkenntnisse“. International und auch im deutschen Sprachraum wird das häufig mit BCI abgekürzt. Mit „Behavioural and Cultural Insights“ sind Erkenntnisse gemeint, die auf empirischer Evidenz aus ganz unterschiedlichen Disziplinen beruhen und erklären, wie Menschen in ihrem Alltag gesundheitsrelevante Entscheidung treffen, und was ihr Gesundheitsverhalten beeinflusst. BCI nutzt Forschung aus Wissenschaftsdisziplinen wie Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Ökonomie, Kommunikations-, Sport-, Ernährungs- oder Politikwissenschaften.

Der Ansatz „Behavioural and Cultural Insights“ dient der Entwicklung von gesundheitspolitischen Strategien und der Gesundheitskommunikation, wird aber auch bei der Planung von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung eingesetzt. Durch die Identifizierung von sowohl kontextuellen als auch individuellen Barrieren bzw. fördernden Faktoren sollen möglichst passgenaue und effektive Interventionen entwickelt werden. Daher wird auch die Einbindung der Zielgruppe in die Entwicklung von Maßnahmen so weit wie möglich angestrebt.

Bei „Gesundheitskompetenz“ handelt es sich hingegen um ein Konzept, das den Umgang mit Gesundheitsinformationen als Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen beschreibt. Im Englischen wird der Begriff „Health Literacy“ verwendet, der teilweise auch im deutschsprachigen Raum gebräuchlich ist. Gesundheitskompetenz ist ein multidimensionales Konstrukt, das kognitive, psychische, soziale und kontextuelle Aspekte umfasst. Gesundheitskompetenz ist kontextabhängig und wird daher als relationales Konzept bezeichnet.

Um Gesundheitskompetenz zu fördern, sollten Maßnahmen sowohl bei den individuellen Ressourcen, Fähigkeiten und Kenntnissen als auch bei den organisatorischen Strukturen ansetzen. Die Förderung von Gesundheitskompetenz soll auch zur Verbesserung des Gesundheitsverhaltens beitragen, wobei Maßnahmen der Gesundheitsförderung eingesetzt werden können. Gesundheitskompetenz gilt laut der Weltgesundheitsorganisation als wichtige Determinante von Gesundheit.

Der zentrale Unterschied zwischen den beiden Ansätzen besteht darin, dass es sich bei Gesundheitskompetenz um ein konkretes theoretisches Konstrukt handelt, bei dem das Thema „Umgang mit Gesundheitsinformationen“ im Vordergrund steht. Das methodische Vorgehen zur Erfassung und Förderung von Gesundheitskompetenz ist nicht Teil des Konstruktes Gesundheitskompetenz. Anders verhält es sich bei „Behavioural and Cultural Insights“. Bei BCI wird die interdisziplinäre Perspektive ausdrücklich als zentral für den Ansatz betrachtet, sie steht bereits im Namen des Ansatzes – und damit geht auch Methodenvielfalt einher. Zwar lässt sich auch bei den vorhandenen Studien zur Gesundheitskompetenz eine Methodenvielfalt beobachten, allerdings ist der Anteil an quantitativen Studienmethoden größer als der von qualitativen Studien. Begleitet ist die Gesundheitskompetenzforschung ohnehin von einer wissenschaftlichen Diskussion, wie Gesundheitskompetenz am besten gemessen werden sollte.


Können Sie noch weitere Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten von Gesundheitskompetenz und „Behavioural and Cultural Insights“ benennen?

Eine Gemeinsamkeit beider Ansätze ist die Adressierung gesundheitsrelevanter Entscheidungen, die bewusst oder unbewusst getroffen werden, wobei die unbewussten Entscheidungen, zum Beispiel impulsive oder emotionale Entscheidungen, besonders im BCI-Ansatz verfolgt werden. Der thematische Fokus von „Behavioural and Cultural Insights“ ist im Vergleich zur Gesundheitskompetenz wesentlich breiter. BCI beschäftigt sich mit ganz unterschiedlichen gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen, während die Gesundheitskompetenzforschung in der Regel auf den Umgang mit Gesundheitsinformationen fokussiert.

Obwohl sowohl Gesundheitskompetenz als auch BCI den Kontext bzw. die Verhältnisse als relevant für Maßnahmen benennen, geraten diese mitunter aus dem Blick, und Interventionen werden vorrangig auf das Individuum ausgerichtet. An sich beinhalten beide Ansätze Kontextfaktoren bzw. Bedingungen vor Ort schon in ihrer Definition: Gesundheitskompetenz ist als ein relationales Konzept definiert, das kontextabhängig ist, weshalb sich die Forschung zur Gesundheitskompetenz zunehmend mit der organisationalen Gesundheitskompetenz beschäftigt. Diese adressiert organisatorische Strukturen und die Vermittlung von Gesundheitskompetenz in Einrichtungen des Gesundheitswesens, aber auch in den Lebenswelten, zum Beispiel Schulen. Und auch der BCI-Ansatz trägt das „Kulturelle“ im Begriff, als Hinweis darauf, dass gesellschaftliche und Kontextbedingungen vor Ort zu berücksichtigen sind, um Evidenz zu generieren bzw. wirksame Interventionen zu entwickeln. Bei beiden Ansätzen ist es wichtig, sich bei der Analyse und der Maßnahmenentwicklung nicht nur auf die individuellen Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu konzentrieren, sondern auch die Verhältnisse und Kontextbedingungen bis hin zu den Determinanten von Gesundheit („causes of the causes“) einzubeziehen.


Welches Potenzial sehen Sie für die Förderung von Gesundheitskompetenz durch „Behavioural and Cultural Insights“?

Durch „Behavioural and Cultural Insights“ sollen Maßnahmen und Interventionen wirksamer und passgenauer gestaltet werden, und Gesundheitskompetenz ist dabei ein bedeutsamer zu berücksichtigender Faktor. BCI hat so das Potenzial, Gesundheitskompetenz in umfassende Studien zu Prävention- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu integrieren. Die Förderung von Gesundheitskompetenz kann damit zu wirksameren Maßnahmen in der Prävention und Gesundheitsförderung beitragen.

Die WHO weist in ihren Papieren zu „Behavioural and Cultural Insights“ ausdrücklich auf Gesundheitskompetenz hin. In der Gesundheitskompetenz sieht sie einen nachweislich einflussreichen Faktor auf gesundheitsbezogene Verhaltensweisen, der deshalb bei Maßnahmen, die auf soziale und verhaltensbezogene Veränderungen abzielen, berücksichtigt werden sollte.


Wie sieht das konkret aus?

Um Evidenz für eine Maßnahmenentwicklung im Kontext von BCI zu gewinnen, schlägt die Weltgesundheitsorganisation vor, sich an dem sogenannten COM-B-Modell zu orientieren. Dieses wurde von Susan Michie und ihrem Team am University College London entwickelt und ist bereits vielfach erprobt. Das aus dem Englischen stammende Akronym COM-B setzt sich aus den vier Anfangsbuchstaben der zu untersuchenden Bereiche zusammen. Dabei steht das „B“ für „Behaviour“, das zu untersuchende Verhalten, das von drei Bereichen beeinflusst wird, „C“ für „Capability“, die Fähigkeiten, „O“ für „Opportunity“, die Möglichkeiten und „M“ für „Motivation“, die Motivation. Dahinter steht die Annahme, dass verschiedene kognitive und körperliche Fähigkeiten ein Verhalten ebenso beeinflussen wie die Möglichkeiten, die sich aus dem sozialen Kontext und der physischen Umgebung ergeben, sowie auch der bewussten und unbewussten Motivation.

Im COM-B-Modell ist Gesundheitskompetenz demnach ein Aspekt aus dem Bereich der Fähigkeiten, nämlich die Fähigkeit, mit Gesundheitsinformationen umzugehen. Die Analyse und Förderung von Gesundheitskompetenz können dann beispielsweise Verhaltensweisen wie gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung unterstützen, aber auch die Inanspruchnahme bestimmter Leistungen im Gesundheitswesen. Die Zuordnung zum Bereich „Fähigkeiten“ ist aber nicht so eindeutig, denn wenn die aktuellen umfassenden Definitionen von Gesundheitskompetenz herangezogen werden, dann beinhaltet Gesundheitskompetenz auch den motivationalen Aspekt, ein Bereich, der im COM-B-Modell einen weiteren eigenständigen Faktor darstellt. Diese Überschneidung sollte in den Analysen entsprechend berücksichtigt werden und nicht nur auf die Fähigkeiten fokussiert werden.

Des Weiteren ist zu überlegen, inwiefern die multidisziplinären Perspektiven und Methoden von „Behavioural and Cultural Insights“ bei der Entwicklung und der Überprüfung von konkreten Maßnahmen zur Förderung von Gesundheitskompetenz hilfreich sein können. BCI-Studien könnten gezielt Barrieren und Förderfaktoren eines gesundheitskompetenten Verhaltens einer bestimmten Gruppe untersuchen und dazu beitragen, gesundheitskompetenzförderndes Verhalten besser zu verstehen.


Was ist Ihrer Einschätzung nach zu tun, um Gesundheitskompetenz in Deutschland zu stärken? Wie kann der Ansatz „Behavioural and Cultural Insights“ dazu einen Beitrag leisten, auch im Hinblick auf die Erreichbarkeit sozial benachteiligter Gruppen?

Um Gesundheitskompetenz in Deutschland zu stärken, sollte in ganz vielen gesellschaftlichen Bereichen angesetzt werden. Diese sind ausführlich im „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ (NAP) beschrieben. In Bezug auf Ihre Frage ist hervorzuheben, dass es nicht nur um Maßnahmen im Gesundheitswesen geht, sondern es auch um die Förderung von Gesundheitskompetenz in den Lebenswelten gehen muss, und hier spielen Prävention und Gesundheitsförderung eine zentrale Rolle. Der „NAP“ benennt ausdrücklich als ein zentrales Umsetzungsprinzip: „soziale und gesundheitliche Ungleichheit verringern“. 

Die Herangehensweise von „Behavioural and Cultural Insights“ kann die Perspektiven der Gesundheitskompetenzforschung erweitern – gerade, weil BCI-Studien unbewusste gesundheitsrelevante Entscheidungen mit in den Blick nehmen. Denn BCI legt einen Schwerpunkt auf die aus der Prävention und Gesundheitsförderung bekannte Beobachtung, dass Menschen trotz vorhandenen Wissens ihr Verhalten nicht ändern (der sogenannte “intention-action-gap“). Dies liegt häufig an strukturellen Barrieren in der Umgebung, zum Beispiel in den Lebenswelten. Diese Barrieren sind oftmals noch nicht identifiziert oder werden noch nicht systematisch bei der Maßnahmengestaltung berücksichtigt.

Da BCI die Beteiligung von Betroffenengruppen bei der Entwicklung von Maßnahmen ausdrücklich betont, kann dies zu einer Stärkung partizipativer Methoden in der Gesundheitsförderung und Prävention führen. Die Stärkung partizipativer Methoden ist gerade im Hinblick auf die Verringerung sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit eine Herangehensweise, die als vielversprechend auch im Kontext der Gesundheitskompetenzförderung gilt. Die Bevölkerung sollte dabei am besten nicht erst bei der konkreten Strategieentwicklung zur Gesundheitskompetenz, sondern von Anfang in den Gesundheitskompetenz-Studien, beteiligt werden.

Insgesamt sehen wir eine gegenseitige Ergänzung und Bereicherung von BCI und Gesundheitskompetenz mit dem Potenzial, Prävention und Gesundheitsförderung effektiver und zielgerichteter zu gestalten.

Die Fragen stellte Simone Köser, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).


Lesen Sie dazu auch:

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BVPG-Interview mit Dr. Lennert Griese, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld mit Forschungsschwerpunkt Gesundheitskompetenz. Er ist Teil des WHO Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL) und des Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP): „Die Gesundheitskompetenz ist ungleich in der Bevölkerung verteilt.”

BVPG-Interview mit Kristine Soerensen, Präsidentin der International Health Literacy Association and chair of Health Literacy Europe: „Health literacy champions are in demand!”

BVPG-Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann, Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und Mit-Initiator des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz (NAP): „Die strukturelle Gesundheitsförderung findet zu wenig Beachtung.

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Prof. Julika Loss | Seit 2020 Leiterin des Fachgebietes „Gesundheitsverhalten“ am Robert Koch-Institut (RKI). Zuvor war sie Professorin für Medizinische Soziologie an der Universität Regensburg. Forschungsschwerpunkte: Einflussfaktoren z.B. für Bewegung und Ernährung sowie zu Gesundheitsförderung in Settings. Sie ist deutscher „Focal Point“ der WHO Europe für „Behavioural and Cultural Insights“.

Dr. PH Susanne Jordan | Stellvertretende Leiterin des Fachgebiets „Gesundheitsverhalten“ am Robert Koch-Institut (RKI). Forschungsschwerpunkte: Gesundheitskompetenz, Gesundheitsverhalten, Prävention und Gesundheitsförderung sowie partizipative Gesundheitsforschung. Sie ist im Vorstand des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Gesundheitskompetenz„Die Gesundheitskompetenz ist ungleich in der Bevölkerung verteilt“

Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken, ist seit Gründung der Allianz für Gesundheitskompetenz 2017 ein wichtiges Thema der Prävention und Gesundheitsförderung. Über den aktuellen Stand sprechen wir mit  Dr. Lennert Griese, Universität Bielefeld und Referent der 22. BVPG-Statuskonferenz.

Herr Dr. Griese, Sie haben auf der BVPG-Statuskonferenz „Gesundheitskompetenz fördern – Lebensqualität erhalten und verbessern“ zur aktuellen Datenlage der Gesundheitskompetenz in Deutschland referiert. Wie wird Gesundheitskompetenz definiert, welche Definitionsvarianten werden in der Wissenschaft diskutiert? 

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, wenn man bedenkt, dass heute weltweit mehr als hundert Definitionen von Gesundheitskompetenz bzw. Health Literacy – so wird das Konzept außerhalb Deutschlands bezeichnet – vorliegen. 

Dennoch hat sich in Europa und speziell auch in Deutschland in den letzten zehn Jahren eine Definition durchgesetzt, die unter Gesundheitskompetenz die nötigen kognitiven und sozialen Fähigkeiten eines Menschen dazu versteht, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, sie zu verstehen, beurteilen und anwenden zu können. 

Im Zentrum dieser Definition, die übrigens auf die erste internationale Studie zur Gesundheitskompetenz, HLS-EU (Health Literacy Survey Europe), aus dem Jahr 2012 zurückgeht, steht also der Umgang mit Gesundheitsinformationen, konkret das Finden, Verstehen, Beurteilen und Umsetzen von Gesundheitsinformationen. Zugleich werden mit dieser Definition Bezüge zur Partizipation und auch zu Empowerment hergestellt, denn Ziel ist immer die aktive informierte Entscheidungsfindung, sei es im Rahmen der Krankheitsbewältigung, der Prävention oder Gesundheitsförderung. 

Ein wichtiger Aspekt, der leider nicht explizit in der Definition des HLS-EU genannt wird, aber stets mitgedacht werden muss, ist, dass mit Gesundheitskompetenz immer auch die Rahmenbedingungen angesprochen sind, in deren Abhängigkeit Gesundheitsinformationen genutzt werden und Gesundheitskompetenz erworben wird: Stehen mir nur bedingt Gesundheitsinformationen über ein bestimmtes Gesundheitsproblem zur Verfügung oder sind diese so kryptisch formuliert, dass ich sie nicht verstehen kann, wird sich dies auch negativ in meiner Gesundheitskompetenz niederschlagen. Gesundheitskompetenz entsteht also erst im Zusammenspiel sowohl individueller Fähigkeiten als auch der System- und Informationsbedingungen, denen ich ausgesetzt bin. 

Dieses sehr umfassende, relationale, Verständnis von Gesundheitskompetenz beruht auf einer langen Historie und wurde mit der Zeit immer wieder weiterentwickelt. Auch deswegen wird es übrigens von Don Nutbeam und später auch von Rima Rudd als „evolving concept“ bezeichnet.

Das Konzept fand erstmals in den 1970er Jahren durch Scott K. Simonds im Rahmen der Gesundheitsbildung in Schulen Erwähnung. Verstärkte Aufmerksamkeit hat es aber erst rund 20 Jahre später bekommen, durch die großen angloamerikanischen Alphabetisierungsstudien der 1990er Jahre, wie dem National Adult Literacy Survey (NALS). Denn er zeigte, dass ein Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung nicht über ausreichende Schreib- und Lesefähigkeiten verfügte. Dies führte rasch zu der Frage, welche Auswirkungen damit für die Krankheitsbewältigung und Gesundheitserhaltung einhergehen, konkreter, was passiert, wenn ich den Beipackzettel meiner Medikamente nicht richtig lesen oder verstehen kann. Erste Studien untersuchten daran anknüpfend die Gesundheitskompetenz, richtiger die Health Literacy einzelner Bevölkerungsgruppen – dies jedoch beschränkt auf rein funktionale Fähigkeiten, etwa Gesundheitsinformationen lesen oder schreiben zu können.


Welche Veränderungen ergeben sich in der Definition oder dem Begriffsverständnis beziehungsweise haben sich bereits aufgrund aktueller Entwicklungen ergeben?

Erst durch wichtige Erweiterungen, wie durch die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1998, die erstmals ein bis dahin stark medizinisch geprägtes und defizitorientiertes Verständnis von Gesundheitskompetenz durch eine auf Gesundheit und Ressourcenförderung zielende Lesart ersetzte, oder durch die von Don Nutbeam definierten drei Ebenen, die dem Konzept eine funktionale, interaktive und kritische Komponente zuschreiben, weitete sich das Verständnis zusehends. Gerade letztere, die kritische Gesundheitskompetenz, die Menschen einen hinterfragenden, differenzierten Umgang mit Gesundheitsinformationen ermöglicht, ist heute angesichts der wachsenden Zahl an Information und auch an Fehl- und Desinformation besonders wichtig.   

Seither sind viele weitere Definitionsvorschläge entstanden, so auch die zu Beginn aufgeführte Definition des HLS-EU, mit der eine systematische und summierende Bündelung bereits existierender Definitionen vorgenommen wurde. 

Heute beobachten wir, dass vor allem die Seite des Systems und der Gesundheitsorganisationen verstärkt an Bedeutung gewinnt, sowohl in der Gesundheitskompetenz-Forschung allgemein als auch in der Definitions- und Konzeptentwicklung. So hat sich in den vergangenen Jahren das Konzept der Gesundheitskompetenten Organisation (GKO) etabliert, das die Rolle der Gesundheitsorganisationen als Produzent und Vermittler von Gesundheitsinformationen hervorhebt. Das U.S. Department of Health and Human Services schlägt in diesem Zusammenhang sogar eine zweigeteilte Definition vor, in der die persönliche Gesundheitskompetenz ausdrücklich von der organisationalen Gesundheitskompetenz unterschieden wird. 

Dazu passt, dass neuerdings auch die Gesundheitskompetenz der Gesundheitsprofessionen und -berufe stärker in den Fokus gerückt ist; denn sie spielen als wichtige Informationsinstanz der Bevölkerung eine zentrale Rolle sowohl im GKO-Konzept als auch für die Förderung der Gesundheitskompetenz ihrer Patientinnen und Patienten. Auch hier wurde kürzlich ein neues Konzept und Messinstrument vorgestellt, das nicht, wie bisher in der Forschung üblich, auf die persönliche Gesundheitskompetenz der Gesundheitsprofessionen/-berufe abhebt, sondern auf deren Fähigkeiten, die Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten zu fördern. Auch hier hat sich also in gewisser Weise ein Perspektivwechsel vollzogen.


Wie gestaltet sich die aktuelle Datenlage zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung? Ist ein Trend erkennbar? Wenn ja, wie genau sieht dieser aus und welche Schlussfolgerungen und Empfehlungen lassen sich daraus ableiten?

Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland ist nicht sehr gut ausgeprägt. Darauf deuten die vorliegenden Studienbefunde der letzten Jahre hin. Zudem konnte die Studie HLS-GER 2, die wir an der Universität Bielefeld durchgeführt haben und die Teil des WHO Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy ist, aufzeigen, dass sich die Gesundheitskompetenz im Zeitvergleich der Jahre 2014 und 2020 verschlechtert hat. Konkret hat sich der Anteil geringer Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung von rund 54 Prozent auf etwa 60 Prozent erhöht.  

Hinzu kommt, dass die Gesundheitskompetenz ungleich in der Bevölkerung verteilt ist und bestimmte sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, aber auch Menschen im höheren Lebensalter oder Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen, kurz Menschen, die im besonderen Maße auf das Gesundheitssystem und Gesundheitsinformationen angewiesen sind, über eine vergleichsweise geringe Gesundheitskompetenz verfügen.

In der Summe machen diese Befunde sehr deutlich, dass die Förderung der Gesundheitskompetenz nach wie vor eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe darstellt. Bevölkerungsgruppen, die besonders große Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen haben, sollten dabei besondere Beachtung erhalten. 

Dies gilt auch für bestimmte Teilbereiche der Gesundheitskompetenz, wie die navigationale oder digitale Gesundheitskompetenz, denn sie sind noch einmal deutlich schlechter ausgeprägt als die allgemeine Gesundheitskompetenz.


… und wie steht es um die Gesundheitskompetenz der Gesundheitsprofessionen?

Wie erwähnt, kommt für die Stärkung der Gesundheitskompetenz auch den Gesundheitsprofessionen und -berufen, besondere Bedeutung zu. Denn nach wie vor bilden sie die wichtigste Informationsquelle für Patientinnen und Patienten, begleiten diese zum Teil über viele Jahre und genießen hohes Vertrauen. Zugleich sind auch für sie die Anforderungen an die Aneignung und Vermittlung von Gesundheitsinformationen anspruchsvoller geworden. 

Allein durch die mit der Digitalisierung einhergehende Expansion an Wissen und auch an Fachinformationen müssen die Gesundheitsprofessionen/-berufe heute mehr denn je in der Lage sein, sich auf dem neuesten Stand des aktuellen Wissens zu halten und dieses auf ihr professionelles Handeln übertragen – sie sind also auf ein umfassendes Wissensmanagement angewiesen. 

Doch dies allein ist nicht ausreichend. Zusätzlich müssen sie die gefundenen Fachinformationen so an ihre Patientinnen und Patienten vermitteln können, dass diese verstanden, beurteilt und letztendlich für das eigene Gesundheitsverhalten und auch die gemeinsame Entscheidungsfindung über Gesundheits- und Versorgungsfragen herangezogen werden können. Dies alles erfordert professionelle Gesundheitskompetenz, die – wie eine Studie der Universität Bielefeld und der Hertie School Berlin mit der Stiftung Gesundheitswissen zeigt – in vielen Bereichen optimierungsfähig ist.


Inwiefern?

Zwar stellt sich die professionelle Gesundheitskompetenz der befragten Gesundheitsprofessionen/-berufe – hier Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende – insgesamt recht positiv dar, dennoch stehen sie bei etlichen Aufgaben vor Herausforderungen. Dazu gehört etwa der Umgang mit fehl- oder falschinformierten Patientinnen und Patienten, das Einordnen statistischer Befunde oder die Beurteilung der wissenschaftlichen Grundlage (Evidenz) von Informationen. Aber auch Patientinnen und Patienten dabei zu unterstützen, die Vertrauenswürdigkeit speziell digitaler Gesundheitsinformationen einzuschätzen, wird als besonders schwierig bewertet. 

Damit ist klar: Um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken, benötigen auch die Gesundheitsprofessionen und -berufe eine bessere Gesundheitskompetenz und – so ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie – bessere Qualifikations- und Rahmenbedingungen.


Welche weiteren Daten zur Standortbestimmung der Gesundheitskompetenz sind relevant?

Vergleicht man die vorliegende Datenbasis zur Gesundheitskompetenz in Deutschland mit der vor einigen Jahren, lässt sich feststellen, dass sie sich stark erweitert hat: Mittlerweile verfügen wir über repräsentative Daten zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland, wir können grob abschätzen, wie sich die Gesundheitskompetenz in den letzten Jahren verändert hat und wie sich die Gesundheitskompetenz während der Corona-Pandemie darstellte. 

Zugleich ermöglichte es die Messung von sogenannten Teil-Literacies, Aussagen über bestimmte Teilbereiche, wie die Digitale oder Navigationale Gesundheitskompetenz zu treffen – und es liegen Untersuchungen zur Gesundheitskompetenz von einzelnen Bevölkerungsgruppen vor, etwa von Menschen mit Migrationshintergrund, von Kindern und Jugendlichen, von Menschen mit chronischen Erkrankungen und neuerdings auch zur professionellen Gesundheitskompetenz. 

Trotz des Zuwachses an Forschungsaktivitäten wird es zukünftig wichtig sein, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland systematischer als bisher zu erforschen. Dies wird auch im Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP) und in einem seiner acht Strategiepapiere gefordert. Dazu zählt, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und einzelner vulnerabler Bevölkerungsgruppen wiederholend zu messen, d.h., zu einem Monitoring zu kommen, so dass eine Beobachtung und Abschätzung der Entwicklung der Gesundheitskompetenz über Jahre möglich wird und auch damit die Wirkung möglicher gesellschaftlicher Veränderungen auf die Gesundheitskompetenz und auch von Interventionen zur Verbesserung dieser analysiert werden können. 

Zudem zeichnet sich ein zunehmender Bedarf an regionalen Daten ab, die gerade für eine lokale Standortbestimmung sowie die Entwicklung datenbasierter und zugleich regional angemessener Interventionen wichtig sein dürften. Ähnliches gilt für die Erforschung der organisationalen und professionellen Gesundheitskompetenz, denn gerade sie verspricht wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung eines gesundheitskompetenten Gesundheitssystems, seiner Organisationen sowie Akteurinnen und Akteuren.


Die Fragen stellte Simone Köser, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).


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Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Gesundheitskompetenz fördern – Lebensqualität erhalten und verbessern“ finden Sie hier.

Gastbeitrag von Kristine Sørensen, Präsidentin der International Health Literacy Association: „Health literacy champions are in demand!“

Interview mit Prof. Julika Loss und Dr. Susanne Jordan, beide Robert Koch-Institut (RKI): Gesundheitskompetenz im Kontext von „Behavioural and cultural insights“.

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann: „Die strukturelle Gesundheitsförderung findet zu wenig Beachtung“.

Möchten Sie über Neues und Wissenswertes zu Prävention und Gesundheitsförderung auf dem Laufenden gehalten werden? Hier können Sie unseren monatlich erscheinenden Newsletter bestellen.

Dr. Lennert Griese | Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld, Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK). Dort forscht er zu Themen der Gesundheitskompetenz und ist an nationalen und internationalen Studien zur Gesundheitskompetenz beteiligt. Er ist Teil des WHO Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL) und des Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Gesundheitskompetenz„Health literacy champions are in demand!“

Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und umzusetzen. Warum ist eine hohe Gesundheitskompetenz so wichtig? Wie kann sie erlangt werden? Und welche Rolle spielen dabei die Gesundheitsprofessionen? Kristine Sørensen, Präsidentin der International Health Literacy Association, gibt Antworten.

Health literacy leadership – a new professional qualification?

A health literacy champion is a person or an organization who enthusiastically and relentlessly defends and fights for the cause of health literacy to the benefit of people and societies at largeSørensen, 2021

The growing awareness of the importance of health literacy has increased the interest in mobilizing changemakers who can help facilitate health literacy development of people and communities as well as organizations, strategies, and policies. However, little is still known about the role of the modern day’s health literacy champions, their practice, and virtues.

During history, the term champion has had different meanings. In modern times, a champion is usually envisaged as someone who has won the first prize and raise the trophy above his head. However, centuries ago a champion meant a knight who was fighting on behalf of others, someone who undertakes to defend a cause. The knights swore to defend the weak and to uphold virtues like compassion, loyalty, generosity, and truthfulness. These virtues also matter today, especially when the aim is to leave no one behind with regards to health literacy.


The importance of health literacy for people-centered services

Health literacy concerns the ability to access, understand, appraise, and apply information to manage health when being ill, at risk and wanting to stay healthy. Acknowledging that the response to health literacy issues is crucial to provide people-centered care, a growing number of organizations have begun to address system-level factors to support patients, clients, and consumers in making informed health decisions concerning treatment, prevention and promotion. It has also been recognized that addressing health literacy is an integral feature of delivering culturally and linguistically appropriate services to diverse populations. Essentially, addressing health literacy saves time, costs, and lives.

However, research made it evident that population health literacy limitations are a public health challenge. In response, professionals around the world have got engaged to bridge the gap. Health literacy is measurable and modifiable and taking action can help improve the health and well-being of people and societies. The catalyst of change is not always with the people. Most often, it is the professionals that are acting as change agents and advocate for its dissemination. In this regard, the question becomes apparent whether health literacy leadership is a new professional qualification in the making.


Health literacy leadership as a professional qualification in public health

A professional qualification refers to an advanced vocational credential based on specialized training in a specific profession or area of work. Pursuing a professional qualification can expand the opportunity for achieving a higher salary, qualify for a new position or earn specific recognition. For instance, across the world, several health literacy awards have been gifted to health literacy champions who have provided outstanding results and societal impact. The awards include, for example, the Well-Done Health Literacy Award launched by MSD in Belgium which aims to stimulate best practice-sharing to empower patients, optimize the communication between healthcare professionals and patients and ultimately to safeguard the sustainability of the healthcare system.

Due to the complexity of systems, new health challenges and advancement of technology – the need to be highly skilled and more adaptable is higher than ever before. As an inter-disciplinary skill health literacy is applied in a wide range of sectors. It is becoming a sought-after competence among academics, health professionals of all sorts, and in areas beyond health such as community work, journalism, publishing, IT technology, etc. Moreover, the call for healthcare organizations to meet the needs of the people they serve is spreading and the demand for employees trained in health literacy is therefore growing.


Bringing health literacy qualifications to life

Integrating health literacy as a strategic priority in all organizations requires health literacy training and leadership. Yet, it is not a given that professionals are skilled in conducting health literacy friendly communication and interventions. Health literacy is a professional qualification that needs to be nurtured and developed in professional educational programms and as part of post-graduate training in the workplace. Despite the call to action, only a few educational institutions and universities teaching health programms have so far included health literacy as an integral part of their curriculum. And there are even less opportunities for post-graduate training or workforce development in the field of health literacy. Other barriers include lack of commitment from the management, lack of resources and procedures and policies.

„Health literacy champions are in demand!“ – Kristine Sørensen

The health literacy qualification will only be brought to life when it is integrated into daily practice of the organizations involved in promoting health and well-being. To make a profound change, health literacy needs to be apparent in the boardroom as well as on the work floor. Organizational health literacy can help build a person-centered, evidence-based, and quality-driven organization, however, it requires a substantial change and reform of the organizational thinking.


Recognizing the need for health literacy leadership in organizations

To stimulate the process organizations are encouraged to identify change agents, health literacy champions, who can induce the process and develop it according to the organizations´ focus and context. The health literacy champions can move the agenda forward and explain the necessity to perform a change of practice. It may meet resistance, but mostly, the immediate impact of more content clients and patients also creates more content employees. Staff that helps to make it easier for clients and patients to access, understand, appraise and apply information to manage their health may also find it rewarding to see how an empowered patient will become more active and engaged and take control regarding self-care and needed actions for better outcomes. When patients and providers work in partnerships, it can undoubtedly enhance the success of the patient journey. The health literacy commitment needs to come from champions positioned in the highest levels of the organization to ensure a substantial impact.

Moving health literacy from the margin to the mainstream rarely happens without the engagement of health literacy champions. The challenge in the future is to keep recognizing people who can undertake the role of pushing health literacy to the next frontier through health literacy leadership. Acknowledging the need for the development of health literacy leadership as professional qualification and emphasizing the role of higher education institutions in this process can accelerate the process.


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Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann: „Die strukturelle Gesundheitsförderung findet zu wenig Beachtung“.

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Kristine Sørensen | Executive advisor on health literacy. She helps leaders improve health literacy by design. She has a background in public health and global health diplomacy and works with the public and private sector as well as civic society to develop health literacy for all. Kristine Sørensen is the president of International Health Literacy Association and chair of Health Literacy Europe.

Weiterführende Literatur:

Brach, C. (2017). The Journey to Become a Health Literate Organization: A Snapshot of Health System Improvement. Studies in Health Technology and Informatics, 240, 203–237. Retrieved from http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28972519

Brach, C., Dreyer, B. P., Schyve, P., Hernandez, L. M., Baur, C., Lemerise, A. J., & Parker, R. M. (2012). Attributes of a Health Literate Organization. Institute of Medicine.

Farmanova, E., Bonneville, L., & Bouchard, L. (2018). Organizational Health Literacy: Review of Theories, Frameworks, Guides, and Implementation Issues. Inquiry : A Journal of Medical Care Organization, Provision and Financing, 55, 46958018757848. https://doi.org/10.1177/0046958018757848

Sørensen, K. (2016). Making health literacy the political choice. A health literacy guide for politicians. Global Health Literacy Academy.

Sørensen, K. (2021). Health literacy champions in New Approaches to  Health Literacy. Linking Different Perspectives. Springer.


Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Gesundheitskompetenz„Die strukturelle Gesundheitsförderung findet zu wenig Beachtung“

Fast 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben eine geringe Gesundheitskompetenz – so das Ergebnis der zweiten repräsentativen Studie zur Gesundheitskompetenz, HLS-GER 2. Auch im Bereich der Gesundheitsförderung ist die Gesundheitskompetenz gering. Wie diesen Herausforderungen begegnet werden kann, erläutert Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Mit-Initiator des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz (NAP).

Die Stärkung der Gesundheitskompetenz ist eines der BVPG-Schwerpunktthemen. Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. 2018 hat der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP) vier Handlungsfelder – Lebenswelten, Gesundheitssystem, chronische Erkrankungen, Forschung – definiert und 15 Empfehlungen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz in Deutschland abgeleitet. Wie ist Ihre Bilanz nach fünf Jahren?

Beim Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP) muss man sich immer wieder klar machen: Es handelt sich hier um kein Programm der Bundesregierung, um keine gesetzliche Regelung. Der NAP Gesundheitskompetenz ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die von einer Gruppe von Wissenschaftlern mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufen wurde.

Zum fünfjährigen Jubiläum wird es auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention e. V. (DGSMP) und des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz e. V. (DNGK) am 30. August 2023 eine Bilanzsitzung geben, auf der wir zurückblicken werden, was der NAP Gesundheitskompetenz bewirkt hat.


Ihr erstes Fazit?

Weil der NAP Gesundheitskompetenz  keine Initiative der Regierung, sondern eine von Universitäten, Hochschulen, Verbänden, Institutionen, Krankenkassen ist, hatten wir keine hohen Erwartungen. Wir wurden aber positiv überrascht und können heute sagen: Der NAP Gesundheitskompetenz hat Impulse zur Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung des Themas in den Lebenswelten und dem Versorgungssektor bis zu den chronischen Krankheiten gegeben. Und er hat dafür gesorgt, dass wichtige Akteurinnen und Akteure in den Austausch getreten sind. Es haben sich Netzwerke gebildet, es ist ein reger Transfer von Wissen und Erfahrungen eingetreten. Das Thema Gesundheitskompetenz ist auf die Agenda gekommen, wurde ernsthaft diskutiert und der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Also eine echte Erfolgsbilanz aus meiner Sicht.

Wir haben auch gelernt, dass der Begriff erklärungsbedürftig ist: Von einer „niedrigen Gesundheitskompetenz“ zum Beispiel bei Menschen mit chronischen Krankheiten  zu sprechen, ist äußerst missverständlich. Denn damit ist ja keine Defizitanzeige gemeint, sondern es wird vielmehr darauf hingewiesen, dass diese Menschen ganz besonders große Schwierigkeiten haben, sich die für ihre spezielle Situation geeigneten gesundheits- und krankheitsrelevanten Informationen zu suchen und auf ihre Bedürfnisse zu übertragen.

Alle diese Themen sind in den vergangenen fünf Jahren ins Bewusstsein gerückt, und es ist auf Bundes- und Landesebene, auf kommunaler Ebene, bei verschiedenen Institutionen und Organisationen, wie ja auch bei der BVPG eine intensive Debatte entstanden.


Der NAP hat 15 Empfehlungen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz in vier Handlungsfeldern – in den Lebenswelten, im Gesundheitssystem, bei chronischen Krankheiten und in der Forschung – formuliert. Konnten diese in die Praxis umgesetzt werden?

Ja, die Empfehlungen den NAP wurden aufgenommen und es wurden verschiedene Schritte eingeleitet, wie beispielsweise zur Fortbildung des Personals, zur Verbesserung von Informationsflüssen und zur Orientierung im Gesundheitssystem. Wir sehen zudem, dass das Thema eine weitere Durchdringung im Bereich Kita und Schule, auch am Arbeitsplatz, in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, in Kommunen, in der Quartiersarbeit erfährt und es zu Verbesserungen kommt.


Im Bereich der Gesundheitsförderung liegt der Anteil der Bevölkerung mit geringer Gesundheitskompetenz bei fast 70 Prozent – also genau in dem Bereich, der Menschen dazu befähigen soll, ihre Gesundheit zu stärken, um so beispielsweise chronischen Erkrankungen vorzubeugen, deren Kuration wiederum das Gesundheitssystem stark belastet. Wie lässt sich dieser Wert erklären?

Die Hauptantwort lautet: Es sind die strukturellen Rahmenbedingungen, die hinderlich sind, also die Umweltbedingungen, die verhindern, dass ein gesundheitskompetentes Verhalten stattfindet, bzw. oftmals überhaupt möglich ist. Man ist also darauf angewiesen, dass es entsprechende Angebote gibt. Der direkte Einfluss, den die Einzelne oder der Einzelner hat, auch wenn noch so motiviert ist, sich gesundheitskompetent zu verhalten, ist oftmals gering.

Wir wären sehr einseitig, wenn wir beim Konzept der Gesundheitskompetenz stehenblieben bei dem Punkt: „Das ist das individuelle Verhalten, das entscheidet, ob jemand gesundheitskompetent ist.“ Die strukturelle Gesundheitsförderung findet oft zu wenig Beachtung. Das individuelle Verhalten ist permanent beeinflusst von den Rahmenbedingen – und deren Beeinflussbarkeit ist oftmals sehr anspruchsvoll. Zugleich hängt beides eng miteinander zusammen.


Ist also die beste Gesundheitsförderung die, die man nicht merkt?

Ja, das kann man wohl sagen. Die Angebote in einer Einrichtung, zum Beispiel in einer Arztpraxis, in einem Krankenhaus, in einer Pflegeeinrichtung, müssen so sein, dass es mir ganz leicht gemacht wird, mich gesundheitskompetent zu verhalten. Folgendes Beispiel dazu: Nehmen Sie eine Grundschule mit einem Kiosk oder einer Mensa, die Angebote haben, die alle Kriterien einer gesunden Ernährung erfüllen als auch den Anforderungen der Fachgesellschaften in diesem Sektor gerecht werden, dann macht es dies für Kinder und Jugendliche einfacher, ein gesundheitsförderliches Verhalten zu entwickeln.

Hier gilt der wunderbare Satz: „Die gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen“. Auf diese Weise würde gesundheitskompetentes Verhalten gefördert werden, denn hier wird die individuelle Entscheidung unterstützt und muss nicht gegen die Strukturen getroffen werden.


Gesundheitskompetenz ist eine wesentliche Voraussetzung gesundheitlicher Chancengleichheit: Eine geringe Gesundheitskompetenz, geprägt durch niedriges Bildungsniveau, niedrigen Sozialstatus und kultureller Fremdheit, geht oft mit ungesundem Verhalten im Bereich Bewegung und Ernährung, Übergewicht, schlechterer subjektiver Gesundheit, mehr Fehltagen am Arbeitsplatz und intensiverer Nutzung des Gesundheitssystems einher. Doch vulnerable Gruppen zu erreichen ist oftmals gar nicht so einfach.

Wir haben hier ein echtes Dilemma. Gute Ansätze lassen sich schnell einführen, wenn die Sensibilität dafür vorhanden ist. Wo also eine gute Basis da ist, verbessert sich die Situation sehr schnell. Dort hingegen, wo die Voraussetzungen nicht gegeben und schwieriger umzusetzen sind und oftmals nicht interveniert wird, verschlechtert sie sich weiter. Das ist eine große Herausforderung, die für alle Settings gleichermaßen gilt. Bei vulnerablen Gruppen ist der Weg zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten ein besonders langer Weg. Es müssen speziell geschulte Fachkräfte und passende Programme eingesetzt werden, um hier entsprechende Erfolge zu verzeichnen.


Gibt es Beispiele in den Settings, in der Schule?

Sogenannte „Brennpunktschulen“ sind zum Thema geworden – endlich! Denn wir wissen: Der Leistungsstand von Kindern und Jugendlichen hängt eng mit deren Gesundheitszustand zusammen. So gesehen ist eine Förderung der Gesundheit auch eine Förderung der Leistung und umgekehrt. Wir müssen also noch genauer hinschauen. Mehr und mehr setzt sich in den Bundesländern durch, Indikatoren zu erfassen, wie z.B. zum Bildungsgrad der Eltern, zur Sprachkompetenz, zum Migrationshintergrund, um so zu ermitteln, welche Schule eine besonders schwierige Klientel in Bezug auf die Leistungsförderung hat. Für eine gezielte Förderung plant die Bundesregierung ab dem Schuljahr 2024/2025 das Programm „Startchancen“ bundesweit einzuführen. Es soll bis zu 4.000 Schulen in sozial herausfordernder Lage fördern. Wenn hier die angesprochenen gesundheitsförderlichen Ansätze zum Zuge kommen, dann könnte viel erreicht werden.


Nicht-übertragbare Krankheiten, die einen sehr hohen Teil der Gesundheitskosten ausmachen, sind hoch komplex, beginnend oft schleichend und sind häufig in weiteren Stadien kaum spürbar. Hinzu kommt, dass sich die Krankheiten oftmals gegenseitig verstärken. Was bedeutet das für vulnerable Gruppen und deren Gesundheitskompetenz?

Die Corona-Pandemie war ein Lehrstück, denn sie hat uns gezeigt, wie in einer Ausnahmesituation der Umgang mit Wissen über Gesundheit und Krankheit zu einer wichtigen, besser: lebenswichtigen, Kompetenz geworden ist. Wir haben gesehen, wie schwierig es für viele Menschen war, Informationen zu verstehen, die sich zum Teil widersprachen oder nicht in die gleiche Richtung gingen. Daraus folgte eine Verunsicherung in der Bevölkerung. Jedoch wurde durch die Corona-Dauerinformation das Ausmaß der Schwierigkeiten, Informationen zu verarbeiten, abgesenkt, mit der Folge, dass die Corona-spezifische Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung angestiegen ist. Die Menschen wurden so dicht und eng mit Informationen zum angemessenen Verhalten angesprochen, dass sie sich gut orientieren konnten. Aus diesen Ergebnissen können wir lernen.

Zu den nicht-übertragbaren Krankheiten haben wir die Parallele: Je komplexer die Krankheitsbilder als auch deren Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sind, umso schwieriger sind diese zu verstehen. Sie machen es nicht leicht, gesundheitskompetent zu sein – das gilt für beide Seiten, sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Fachkreise. Im digitalen Zeitalter können beide Seiten auf demselben Informationsstand sein – und für alle ist es sehr schwierig geworden, die ständig steigende Masse von Gesundheitsinformationen kompetent einzuordnen.  

Fünf Jahre nach Erstellung des NAP lässt sich also sagen: Wir haben sehr gute Ansätze zur Stärkung der Gesundheitskompetenz in Deutschland, die Diskussion darüber ist in vollem Gange. Ich wünsche mir, dass sich weitere Vernetzungen bilden und die bereits etablierten Leuchtturmprojekte über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in die Fläche getragen werden.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

Lesen Sie dazu auch:

Beitrag von Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Weiterentwicklung des Handlungsfeldes Prävention und Gesundheitsförderung“.

Gastbeitrag von Kristine Sørensen, Präsidentin der International Health Literacy Association: „Health literacy champions are in demand!“

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann | Seit 2019 Senior Expert am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (fibs), seit 2009 Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School – University of Governance. Forschungsschwerpunkte: Bildung, Sozialisation und Gesundheit. Hurrelmann hat zahlreiche Lehrbücher verfasst und leitete verschiedene Familien-, Kinder- und Jugendstudien. Seit 2020 gibt er zusammen mit Simon Schnetzer die Trendstudien „Jugend in Deutschland“ heraus. Seit 2002 gehört er dem Leitungsteam der Shell Jugendstudien an.

Prävention und Gesundheitsförderung Gemeinsam Gesundheit fördern: Der neue BVPG-Vorstand stellt sich vor

Der neue Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) wurde am 22. Mai 2023 auf der Mitgliederversammlung für die kommenden drei Jahre gewählt. Mit diesem Blogbeitrag stellen sich die elf Expertinnen und Experten für Prävention und Gesundheitsförderung mit einem persönlichen Statement vor.

BVPG-Präsidentin Dr. Kirsten Kappert-Gonther, (1. Reihe, 1. v.l.), Mitglied des Deutschen Bundestags und amtierende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses:

„Der Koalitionsvertrag der 20. Legislaturperiode räumt dem Gedanken der Prävention im Gesundheitskapitel einen großen Stellenwert ein: Gesundheitsförderung und Prävention sollen zum zentralen Leitmotiv von Gesundheitspolitik werden.

Inzwischen gibt es auch im politischen Raum glücklicherweise mehr Aufmerksamkeit für die öffentliche Sorge um die Gesundheit aller (Public Health), aber im Handeln auf den verschiedenen Ebenen hat sich der notwendige Health in All Policies (HiAP)-Ansatz leider noch nicht umfassend etabliert. Dafür muss an den Strukturen angesetzt werden, denn Gesundheit entscheidet sich im Alltag. Unsere Gesundheitschancen stehen in engem Zusammenhang mit unseren Lebensbedingungen: Wie wir wohnen, arbeiten oder unsere Freizeit verbringen, hat einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Gesundheit.

Das bedeutet, dass es eine gesellschaftliche und politische Aufgabe ist, möglichst gesundheitsfördernde Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Dazu gehört zuvörderst mehr Klimaschutz. Denn die Klimakrise gefährdet die körperliche und seelische Gesundheit. Die Folgen für die seelische Gesundheit müssen wir deutlich mehr in den Blick nehmen, denn wir sehen deutlich eine Zunahme von seelischen Erkrankungen in Folge der Erderhitzung. Der Gesundheitssektor ist nicht nur betroffen von der Klimakrise, sondern hat auch die Chance viel zum Klimaschutz beizutragen. Das haben wir uns gemeinsam vorgenommen.

Als Präsidentin der BVPG möchte ich gemeinsam mit allen Beteiligten dazu beitragen, Gesundheitsförderung und Prävention als Leitgedanken der Gesundheitspolitik zu etablieren und in diesem Rahmen auch der BVPG ein Gesicht geben.“


Vizepräsident Oliver Blatt, (1. Reihe, 2. v.l.), Leiter der Abteilung Gesundheit, Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Die BVPG ist ein wichtiger und vernetzter Player in der Prävention. Ich möchte mich weiterhin dafür stark machen, dass die BVPG diese wichtige Rolle beibehält und weiterhin maßgeblich daran beteiligt ist, präventive Versorgung zu stärken. Die Rolle der BVPG muss auch zukünftig darin bestehen, wichtige Trends und Probleme in der Versorgung mit präventiven Leistungen frühzeitig zu benennen und konstruktive Lösungen aufzuzeigen.

Dabei kann ich auf wichtige Erfahrungen und Ressourcen aus meinem beruflichen Kontext beim Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek) zurückgreifen. Denn auch hier bin ich mitverantwortlich dafür, dass sich die medizinische, rehabilitative und pflegerische Versorgung der GKV-Versicherten auf hohem Niveau weiterentwickelt. Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung nehmen dabei einen wichtigeren Stellenwert ein.“


Vizepräsidentin Britta Susen, (1. Reihe, 3. v.l.), Leiterin des Dezernats Public Health, Bundesärztekammer (BÄK), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Die Bedeutung von Public Health für die Gesundheit der Menschen in Deutschland ist im öffentlichen Bewusstsein nach wie vor zu wenig verankert und Deutschland verfügt leider nicht über starke Public-Health-Strukturen. Während der COVID-19-Pandemie ist dieses Defizit offen zu Tage getreten.

Als Vizepräsidentin der BVPG sehe ich meine Rolle insbesondere in der „Scharnierfunktion“ zwischen Ärzteschaft und der breiten, vielfältigen Akteurslandschaft im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung. Nur gemeinsam kann es uns gelingen, Prävention und Gesundheitsförderung zu stärken und den Health in All Policies (HiAP)-Ansatz in allen Politikfeldern zu verankern.“


Schatzmeister Thomas Altgeld, (1. Reihe, 4. v.l.), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e.V. (LVG & AFS), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Die Rahmenbedingungen für Prävention und Gesundheitsförderung werden sich mit der Umsetzung der Koalitionsvereinbarungen der aktuellen Bundesregierung deutlich verändern (Stichworte dazu sind z.B. Präventionsstrategie, Novellierung des Präventionsgesetzes und Etablierung eines Bundesinstitutes für öffentliche Gesundheit). Die BVPG hat zu allen genannten Prozessen unter der neuen Präsidentin und nach intensiven Diskussionen mit Mitgliedsorganisationen Stellung bezogen und sich in politische Entscheidungsprozesse massiv eingebracht. Diesen eingeschlagenen Weg gilt es fortzusetzen und die Umgestaltung der Rahmenbedingungen in Deutschland für mehr Prävention und Gesundheitsförderung aktiv zu befördern.“


Dr. Reinhild Benterbusch, (2. Reihe, 1. v.l.), Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Referentin für gesundheitliche Prävention im Referat 51 – Grundsatzangelegenheiten der Abteilung, gesundheitliche Prävention, E-Health, Krebsregister und Mitglied der AG Gesundheitsberichterstattung, Prävention, Rehabilitation und Sozialmedizin (GPRS) der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG):

„Gesundheitsförderung und Prävention brauchen eine stetige sowie vernehmbare horizontale und vertikale Kommunikation, das heißt, das Gewollte ist in verschiedene Richtungen zu transportieren und zu übersetzen. Das gilt natürlich auch für die umgekehrte Richtung: das Zuhören, Verstehen, Mitnehmen. Dazu möchte ich meine langjährige Erfahrung sowohl auf Ebene der Länder als auch mit der Perspektive auf unterschiedliche Gebietskörperschaften in Sachsen sowie einer Obersten Landesbehörde zur Verfügung stellen und einbringen.

Die BVPG bietet hierfür mit ihrer Satzung eine tragfähige Basis. Mit meinem Engagement möchte ich dazu beitragen, dieses Fundament zu erhalten, im besten Fall zu stärken und auszubauen.“


Dr. Mischa Kläber, (2. Reihe, 2. v.l.), Leiter des Ressorts für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement, Deutscher Olympischer Sportbund e.V. (DOSB), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Die BVPG mit ihrer bunten Vielfalt an Mitgliedsorganisationen ist für mich von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland und verfügt über ein entsprechendes politisches Gewicht.

Ich möchte mich mit Leidenschaft dafür einsetzen, dass die BVPG diese zentrale Rolle behält und ausbauen kann. Dabei gilt es, wichtige Trends, aber auch Herausforderungen und Probleme zu erkennen, zu thematisieren und konstruktive Lösungen aufzuzeigen. Gesundheitsförderung und Prävention stellen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar, die mehr Kooperation, Koordination und Vernetzung der Akteure untereinander braucht, denn es gibt diverse Handlungsbedarfe im breiten Feld der Gesundheitsförderung und Prävention!“


Christine Kreider, (2. Reihe, 3. v.l.), Referentin für Prävention, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Prävention ist erst dann richtig gut, wenn wir zusammen daran arbeiten und sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen und umsetzen. Die Mitgliederstruktur der BVPG fördert genau dies und ermöglicht, über den Tellerrand des eigenen Arbeitsbereiches hinauszublicken. Dadurch ergeben sich andere Blickwinkel und es entstehen neue Chancen für die BVPG und ihre einzelnen Mitgliedsverbände.

Die BVPG als Plattform für die Zivilgesellschaft bildet den idealen Rahmen, um gemeinsam und somit stärker auftreten zu können. Aus der Erfahrung heraus, bei einem Dachverband der Suchthilfe (DHS e.V.) tätig zu sein, weiß ich um die Chancen, die aus so einer Struktur erwachsen.  Im Vorstand der BVPG möchte ich meine Erfahrungen und meine Perspektive auf Suchtprävention einbringen.“


Dr. Andrea Lambeck, (3. Reihe, 1. v.l.), Geschäftsführerin BerufsVerband der Oecotrophologen e.V. (VDOE), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Erstrebenswert wäre es aus meiner Sicht, den Bereich Ernährung in der BVPG zu stärken. Als langjährige VDOE-Vorstandsvorsitzende und jetzige Geschäftsführerin sowie durch vorherige berufliche Tätigkeiten verfüge ich über ein großes Netzwerk im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, speziell im Bereich Ernährung.

Gerne möchte ich die Mitglieder und Kooperationspartner aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zielgerichtet und im Sinne des optimalen Ressourceneinsatzes zu vernetzen, nicht nur im Bereich der Ernährung, sondern in allen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung. Hier sehe ich ein großes Potenzial für Synergien, welches ich gerne für die BVPG und ihre Mitglieder nutzen möchte, um letztlich weitere Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland zu erreichen.“


Prof. Dr. Ulrich Reininghaus, (3. Reihe, 2. v.l.), Leiter der Abteilung Public Mental Health, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit:

„Die BVPG bietet eine Plattform, die Heterogenität in den Lebensverhältnissen und deren vielfältige Auswirkungen auf die Gesundheit auf unterschiedlichen strukturellen Ebenen durch Vernetzung, Partizipation und Zusammenarbeit zu adressieren. Es ist mir ein zentrales Anliegen, die BVPG mit meiner Expertise sowie nationalen und internationalen Forschungserfahrung bei den enormen gegenwärtigen Herausforderungen und neuartigen Vulnerabilitäten in Zeiten von multiplen Krisen im Bereich der Public Mental Health zu unterstützen.

Im Vorstand der BVPG möchte ich gerne durch Beratung, Austausch und Vernetzung dazu beitragen, bei der Gestaltung und Verbesserung von Strukturen der Gesundheitsförderung und Prävention den Einfluss von gesellschaftlichen Bedingungen auf die psychische Gesundheit zu berücksichtigen.“


Prof. Dr. Dagmar Starke, (3. Reihe, 3. v.l.), Kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (AÖGW), BVPG-Mitgliedsorganisation:

„Sich innerhalb der BVPG zu vernetzen und Synergien zu schaffen, den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis zu intensivieren und als Vereinigung die Stimme gegen strukturell bedingte ungleiche und ungerechte Gesundheitschancen zu erheben, sind für mich zentrale Beweggründe für mein Engagement im Vorstand der BVPG.

Es ist mein erklärtes Ziel, den vermeintlichen Widerspruch zwischen ÖGD und Public Health aufzulösen und mich dafür einzusetzen, dass die Pandemie und der Pakt ÖGD als Chance für eine Neuorientierung der Gesundheitsdienste genutzt werden und nicht zuletzt Aufgaben der Koordination, Steuerung und Planung eine zentrale Bedeutung bekommen.“


Dr. Susanne Weinbrenner, (3. Reihe, 4. v.l.), Leiterin der Abteilung Prävention, Rehabilitation und Sozialmedizin und Leitende Ärztin, Deutsche Rentenversicherung Bund:

„Die BVPG hat in der Prävention eine gewichtige Stimme und ist in der Community sehr gut vernetzt. Damit kann sie ihre zentrale Rolle im Zusammenspiel mit allen relevanten Playern in diesem Feld wirkungsvoll einsetzen und im Sinne der Bevölkerung weiter ausbauen. Die BVPG ist in diesem Sinne eine wichtige Beobachterin und Trendsetterin, um einerseits Problem in der Versorgung mit präventiven Leistungen oder relevante Entwicklungen in der Bevölkerung frühzeitig zu benennen und andererseits potentielle Lösungen konstruktiv anzuregen.

Durch mein Engagement im Rahmen des Vorstandes kann ich die BVPG in dieser Rolle maßgeblich und engagiert begleiten. Aus meiner Perspektive kann Prävention und Gesundheitsförderung nur mit einer guten gesamtgesellschaftlichen Verankerung für unsere Bevölkerung nachhaltig spürbare Effekte erzielen. Dazu möchte ich im Rahmen des Engagements bei der BVPG beitragen, indem ich die gute Kommunikation, Vernetzung und Einbindung aller relevanten Player mit ihrer jeweiligen Zuständigkeit und Kompetenz aktiv unterstütze.“


Lesen Sie dazu auch:

Weitere Informationen zum BVPG-Vorstandsteam erhalten Sie hier.

Beitrag von Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Weiterentwicklung des Handlungsfeldes Prävention und Gesundheitsförderung“.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Positionspapier der BVPG zur Weiterentwicklung von Prävention und Gesundheitsförderung„Empfehlungen der BVPG zur Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung“

Gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen hat die BVPG Empfehlungen für die zukünftige Ausrichtung von Prävention und Gesundheitsförderung erarbeitet und auf ihrer Mitgliederversammlung am 22. Mai 2023 verabschiedet. Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, erläutert das Positionspapier.

Eine größere Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung kann nach Einschätzung der BVPG entscheidend zu einer verbesserten Lebensqualität der Bevölkerung in Deutschland beitragen, allerdings nur, wenn das Handlungsfeld fachlich, politisch und strukturell weiterentwickelt wird.

Die grundsätzliche Forderung nach Stärkung und Veranke­rung von Prävention und Gesundheitsförderung als eines ressortübergreifenden und vor allem die Verhältnisprävention berücksichtigenden Handlungsprinzips ist zentrales und zugleich verbindendes Element der folgenden fünf Empfehlungen:

  • Das Präventionsgesetz in eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik einbinden
  • Prävention und Gesundheitsförderung als Querschnittsaufgabe weiterentwickeln und ausbauen
  • Kommunale Gesundheitsförderung weiterentwickeln
  • Digitalen Fortschritt und wertebasierte Orientierung in Einklang bringen
  • Ziele, Pläne, Strategien: Bestehendes sichten und Mehrfachentwicklungen vermeiden


  • 1. Das Präventionsgesetz in eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik einbinden

    Die bisherige Umsetzungspraxis des am 25. Juli 2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetzes zeigt, dass durch die föderale Struktur Deutschlands die gesetzgeberischen (also verpflichtenden und ggf. sankti­onsbewehrten) Möglichkeiten des Bundes auf die (vergleichsweise engen) Aufgabenbereiche der Sozialversi­cherungsträger und insbesondere die Erbringung vorgegebener finanzieller Leistungen durch die gesetzliche Krankenversicherung und die soziale Pflegeversicherung beschränkt sind.

    Umso wichtiger ist da­her der Health-in-and-for-All-Policies-Ansatz als der zentrale Ansatz für eine zukunftsfähige Politik. Darum wäre es sinnvoll, zukünftig alle neuen Geset­zesvorha­ben auf Bundes- und Landesebene auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen hin zu analysieren. Da­rüber hinaus gilt es, neue Wege der Zusammenarbeit der Ministerien zu schaffen, um die sektor- und ressort­übergreifende Zusammenarbeit dauerhaft zu ermöglichen.

    2. Prävention und Gesundheitsförderung als Querschnittsaufgabe weiterentwickeln und ausbauen

    Prävention und Gesundheitsförderung sind keine weitere „Säule“ des Gesundheitswesens, sondern eine basale Voraussetzung für ein resilientes und damit zukunftsfähiges Gemeinwesen. Deshalb, so die dringende Empfehlung, darf keinesfalls am Budget für Prävention und Gesundheitsförderung gespart werden! Auch wenn sich – aus ganz unterschiedlichen Gründen – in zunehmendem Maße Engpässe bei der Finanzierung der unterschiedlichen Sozialversicherungssysteme auftun und die öffentlichen Kassen leer sind: Effekt- und zielorientierte Ausgaben für die Prävention und Ge­sundheitsförderung sind Investitionen, die helfen, menschliches Leid durch Krankheiten, Invalidität oder Pfle­gebedürftigkeit zu vermindern und langfristig die entsprechenden Ausgaben in diesen Bereichen zu senken. Darüber hinaus sind auch für weitere gesellschaftspolitische Bereiche – bei mittel- und längerfristiger Be­trachtung – sekundäre Einsparungen zu erwarten.

    Ferner kann zweifellos menschliche Gesundheit nicht mehr entkoppelt von planetarer Gesundheit gesehen werden. Dies wird gegenwärtig durch die Klimakrise deutlich. Es gilt, die vielfältigen Einflüsse des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit in den Blick zu nehmen und gemeinsam zu handeln. Da die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels und die individuellen Ressourcen zu deren Milderung ungleich in der Bevölkerung verteilt sind, müssen neben allgemeinen Maßnahmen insbesondere Maßnahmen zur Förderung und Verbesserung ge­sundheitlicher Chancengleichheit entwickelt und zur sozialen Inklusion in den Lebenswelten des Alltags um­gesetzt werden.

    Ein weiteres Ziel muss dabei sein, die individuelle wie auch die organisationale Sicherheits- und Gesundheits­kompetenz zu stärken, damit insbesondere strukturell benachteiligte Personengruppen in die Lage versetzt werden, selbst und/oder unterstützt durch das Bildungs-, Sozial- bzw. Gesundheitssystem u. a. relevante Ge­sundheitsinformationen zu finden, zu verarbeiten und zu verstehen sowie zu angemessenen gesundheitsbe­zogenen Entscheidungen zu kommen.

    3. Kommunale Gesundheitsförderung weiterentwickeln

    Um diese Empfehlung zu realisieren, bedarf es tragfähiger Rahmenbedingungen: Prävention und Gesundheitsförderung sollten zu pflichtigen Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung und als Pflichtaufgaben in den Gesundheitsdienstgesetzen der Länder für den Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) verankert werden – und auch die Finanzierung von zielgruppenbezogenen Gesundheitsför­derungsmaßnahmen vor Ort muss dauerhaft gesichert sein. Strukturell betrachtet, liegt die Verantwortung dafür bei den Kommunen. Im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung müssen Kommunen dabei aber unterstützt werden.

    Mit dem Pakt für den ÖGD hat der Bund dafür bereits den Grundstein gelegt. Darüber hinaus sollte geprüft wer­den, ob nicht auch auf das Handlungsfeld „Prävention und Gesundheitsförderung“ übertragen werden könnte, was in anderen Bereichen (Straßenbau, Hochschulbau, digitale Aufrüstung von Schulen etc.) in Sachen „Trans­ferleistungen des Bundes an die Länder und Kommunen“ bereits erprobt worden ist. So könnte der Bund Mittel für den KiTa-Ausbau, das Teilhabepaket oder gleichwertige Lebensverhältnisse zur Verfügung stellen.

    Auch die gesetzlichen Krankenkassen sollen in der kommunalen Gesundheitsförderung unterstützend wirken, indem sie z. B. den Aufbau von Strukturen im Sinne einer Anschubfinanzierung finanziell fördern. Ein positives Ergebnis der bisherigen Umsetzungen der Regelungen des Präventionsgesetzes sind die Aktivitäten des GKV-Bündnisses für Gesundheit, die konsequent auf einen Abbau strukturell bedingter sozialer und gesundheitli­cher Ungleichheit hinwirken.

    4. Digitalen Fortschritt und wertebasierte Orientierung in Einklang bringen

    Autonomie, Empowerment, Partizipation und soziale Gerech­tigkeit – an diesen Werten orientiert sich Gesundheitsförderung. Gerade mit Blick darauf gilt es also zu prüfen, wie digitaler Fortschritt so gestaltet werden kann, dass dieser dem Menschen dient bzw. ausgeschlossen werden kann, dass er ihm schadet.

    Digitale Angebote sind kein „Allheilmittel“. Es muss genau differenziert werden, in welchen Bereichen digitale Angebote tatsächlich Chancen bieten, z. B. weil sie einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen, aber auch, wo diese Angebote nicht greifen. Konkret ist daher neben der Qualität jeweils zu prüfen, für wen, in welcher Situation, mit welchem Ziel das Angebot ein­gesetzt wird. Daneben sollte auch immer die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, digitale, hybride und nicht-digitale Maßnahmen kombiniert – und nicht im Sinne eines Entweder-Oders – weiterzuentwickeln und anzubieten. Auch sollte die Barrierefreiheit stets berücksichtigt werden.

    5. Ziele, Pläne, Strategien: Bestehendes sichten und Mehrfachentwicklungen vermeiden

    Für die Gemeinschaftsaufgabe „Prävention und Gesundheitsförderung“ sind in Deutschland viele verschiedene Akteure zuständig. Das führt zu einer bunten und kaum noch überschaubaren Vielfalt von Aktivitäten im Handlungsfeld. Gefordert ist deshalb eine bessere Integration und Koordination der Pflichten und Aufgaben, aber auch der Finanzierungs- und Evaluierungsbedarfe auf Seiten der zahlreichen unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure und Aktivitä­ten, damit Konfliktpotentiale erkannt und Doppelentwicklungen ebenso wie Mehrfachfinanzierungen vermieden werden können.

    Das Positionspapier kann hier heruntergeladen werden (PDF).

    Lesen Sie dazu auch:

    Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Eckpunkte der zur Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes (PrävG)“.  

    Interview mit Dr. Rüdiger Krech, Director Health Promotion, Division of Universal Health Coverage and Healthier Populations, WHO, zum 75. Jubiläum der WHO: „Health For All – 75 years of improving public health“.

    Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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    Dr. Beate Grossmann | Seit 2016 Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG). Zuvor war sie dort als stellvertretende Geschäftsführerin, wissenschaftliche Referentin und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Frau Dr. Grossmann ist Mitglied in nationalen Gremien, Autorin zahlreicher Veröffentlichungen und angefragt für vielfältige Beratungs-, Gutachtens-, Vortrags- und Moderationstätigkeiten.

    Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: ÖGD„Viel Potenzial für den ÖGD als Träger der Gesundheitsförderung“

    Der Beirat Pakt ÖGD (Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst in Umsetzung des Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst) hat seine Empfehlungen zur Weiterentwicklung des ÖGD in drei Berichten veröffentlicht. Zu den Mitgliedern des Beirates gehört auch die BVPG. Dr. Johannes Nießen, Vorsitzender des Beirates, erklärt die geplante Neuausrichtung.

    Die Gesundheitsförderung gehört gemäß dem von der Gesundheitsministerkonferenz verabschiedeten ÖGD-Leitbild zu den Kernaufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Auf kommunaler Ebene gibt es deutschlandweit rund 400 Gesundheitsämter, die prädestiniert sind, Gesundheitsförderung vor Ort zu leben. Wie kann man sich die Umsetzung in einem „modernen ÖGD“ vorstellen?

    Von grundlegender Bedeutung bei der Förderung und dem Ausbau von Gesundheit ist die Erhöhung der gesundheitlichen Chancengleichheit. Hier muss eine Erreichbarkeit auf allen Ebenen und in allen sozialen Schichten stattfinden.

    Die Nutzung von Kooperationen und Netzwerken, wie dem gesunden Städte-Netzwerk, kann dabei einen großen Beitrag leisten. Das gesunde Städte-Netzwerk ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Kommunen und besteht derzeit aus 92 Mitgliedern. Das Netzwerk verfolgt das Ziel, Gesundheitsförderung im alltäglichen Umfeld der Menschen zu etablieren. Hierbei soll Gesundheitsförderung beispielsweise in Quartieren, Schulen, Kitas, Familien- und Alteneinrichtungen langfristig auf- und ausgebaut werden. Das Netzwerk versteht sich als kommunale Kommunikationsstelle auf Bundesebene für den Aufbau einer lebensweltlichen Gesundheitsförderung in Städten und Gemeinden.


    Wo wurde kommunale Gesundheitsförderung bereits erfolgreich umgesetzt?

    Als Beispiele für eine gelungene Umsetzung kommunaler Gesundheitsförderung vor Ort zählen die lokalen Stadtteil-Gesundheitszentren in Hamburg, das Präventionsnetz im Bezirk Berlin Mitte, die Gesundheitsgespräche in Köln sowie auch die Hitzeaktionspläne verschiedener Kommunen.

    In Hamburg soll in Stadtteilen mit hohen Problemlagen mithilfe von sieben lokalen Gesundheitszentren die medizinische Versorgung und soziale Unterstützung verbessert werden. Die lokalen Gesundheitszentren bestehen mindestens aus einer haus- und/oder kinderärztlichen Praxis, einer modernen Form der „Gemeindeschwester“ und einer Sozialberatung. Darüber hinaus besteht eine verbindliche Kooperation mit Pflegediensten sowie gesundheitlichen und sozialen Angeboten.

    Das Präventionsnetzwerk in Berlin-Mitte hat zum Ziel, ein flächendeckendes präventives Angebot über alle Lebensphasen und Lebenssituationen im Bezirk zu organisieren. In diesem Kontext sind Schwerpunktmaßnahmen beschlossen, die für das Erreichen der nationalen Gesundheitsziele von herausragender Bedeutung sind.

    Im Rahmen der Kölner Gesundheitsgespräche können sich Kölnerinnen und Kölner über ein vielfältiges Spektrum an Gesundheitsthemen informieren. Neben entsprechenden Fachvorträgen gibt es die Möglichkeit zur Klärung offener Fragen, zur Diskussion sowie zum gemeinsamen Austausch.

    Das Verbundprojekt „Hitzeaktionsplan für Menschen im Alter für die Stadt Köln“ steht beispielhaft für die Hitzeaktionspläne verschiedener Kommunen und verfolgt das Ziel, die gesundheitlichen Risiken durch Hitzeperioden für Menschen im Alter zu minimieren und die Gesundheitskompetenz insbesondere bei alleinlebenden Menschen über 65 Jahren zu erhöhen.

    Trotz dieser gelungenen Projekte und der Beobachtung, dass in großen städtischen Gesundheitsämtern die Gesundheitsförderung als Aufgabe etabliert werden konnte, wird der ÖGD in der Breite seinem Potenzial als Träger der Gesundheitsförderung im kommunalen Kontext noch nicht vollständig gerecht. Hier bestehen weiterhin Entwicklungsmöglichkeiten.


    Der moderne ÖGD soll bürgernah sein, eingebunden in kommunale Strukturen und gemeinwohlorientiert. Erreicht man mit dieser Ausrichtung Menschen mit erhöhtem Bedarf besser?

    Durch bürgernahe Angebote wie zum Beispiel Gesundheitskioske, Gesundheitslotsen und Beratungsstellen erreicht man tendenziell alle Bürgerinnen und Bürger besser. Bei vulnerablen Gruppen zeigt sich jedoch generell eine geringere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Durch niederschwellige Angebote sollte die Erreichbarkeit dieser Zielgruppe und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen weiter gesteigert werden.


    Durch seine vielfältigen Zugangsmöglichkeiten ist der ÖGD besonders geeignet, gesunde Städte und Kommunen entstehen zu lassen. Welche Potenziale werden bislang noch zu wenig genutzt?

    Viele Projekte in der Prävention und Gesundheitsförderung sind leider zeitlich zu sehr begrenzt. Gerade in sozial problematischen Stadtvierteln und Regionen müssen diese längerfristig stabilisiert werden. Viele gesundheitsfördernde Ansätze benötigen eine dauerhafte Finanzierung oder müssen über einen längeren Zeitraum unterstützt werden. Mit Zwei-Jahres-Projekten ist es da oft nicht getan.


    Welche Chancen ergeben sich durch die Arbeitsbeziehungen des ÖGD innerhalb der kommunalen Behörden für eine Umsetzung von „Health in All Policies“ – neben der Stärkung des ÖGD ein weiteres Schwerpunktthema der BVPG – auf lokaler Ebene? Inwieweit kann der ÖGD eine „Mittler-Rolle“ einnehmen und zur Verringerung der Versäulung beitragen?

    Innerhalb des ÖGDs ergeben sich Chancen durch das Einbringen der Themen Gesundheit, Gesundheitsförderung und Prävention in den gesamtstädtischen Steuerungsprozess. Durch ressortübergreifende Bedarfsanalysen, Planungsprozesse und rechtskreisübergreifende Umsetzung von Maßnahmen, zum Beispiel in Kooperation mit dem Jugendamt, Amt für Soziales und Senioren, Amt für Stadtentwicklung und Statistik, Amt für Umwelt und Verbraucherschutz, kann das Thema „Health in All Policies“ als ein weiteres bedeutsames Thema des ÖGD umgesetzt werden.

    Die „Kommunale Gesundheitskonferenz“ des ÖGD bietet unter Beteiligung von Politik, Selbsthilfe sowie relevanten Entscheidungsträgern des Gesundheitswesens ein Plenum für den gemeinsamen Prozess der Erörterung und Weiterentwicklung der Prävention und Gesundheitsversorgung.


    Welches Gesundheitsamt könnte deutschlandweit als Blaupause dienen und warum?

    Aufgrund der Vielschichtigkeit des gesundheitlichen Bedarfs von Personen in unterschiedlichen Lebenslagen sowie der entsprechenden Methoden- und Maßnahmenvielfalt können im Allgemeinen die Gesundheitsämter großer Städte als Blaupause genannt werden.

    Darüber hinaus können einzelne, innovative Projekte als Vorbild dienen, welche dort ansetzen, wo die Potenziale des ÖGD bislang zu wenig genutzt werden.

    So zielt beispielsweise das langfristig angelegte Projekt „aufgeweckt“ des Gesundheitsamtes des Rhein-Kreises Neuss in Kooperation mit Krankenkassen sowie mit vielfältigen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern vor Ort auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen in sozial benachteiligten Stadtteilen ab. Über die lange Projektlaufzeit konnten u.a. Präventionsketten ausgebaut sowie die Maßnahmen kontinuierlich auf Aktualität und Bedarf überprüft werden.


    Der dritte Bericht des Beirates fordert eine Verbesserung der Forschungs- und Lehrstruktur und empfiehlt u.a. Kooperationen zwischen Gesundheitsämtern und universitären/außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Was erhoffen Sie sich von dieser wissenschaftlich fundierten Basis im Hinblick auf Ziele und Aufgaben des ÖGD?

    Im Hinblick auf die Ziele und Aufgaben des ÖGDs erhoffe ich mir eine bessere Vernetzung von Forschung, Wissenschaft und Praxis. Im Bereich der Forschung sind die Erhebungen und Analysen zur gesundheitlichen Situation der Bevölkerung als Grundlagen der Bedarfsermittlung und Gesundheitsplanung, u.a. in Bezug auf Ressourcensteuerung und sozialkompensatorische Angebote relevant.

    Im Bereich der Wissenschaft ist eine engere Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen und Akteuren der gesundheitlichen Versorgung und Politik notwendig. Hierbei ist es wichtig, Wissensbestände, Erfahrungsschätze und bewährte Strukturen eines sehr ausdifferenzierten ÖGDs aufzuzeigen und diese in der Praxis zu implementieren.


    Multiprofessionell und interdisiziplinär soll der zukünftige ÖGD sein. Wer wird gemäß der Personalaufwuchskonzepte gesucht? Wie wird diese Ausrichtung auch die Aus- und Weiterbildung verändern?

    Gemäß der Personalaufwuchskonzepte werden vornehmlich Hygienekontrolleure, Fachärztinnen und Fachärzte, wissenschaftliche Mitarbeitende aus dem Bereich Gesundheitswissenschaften und Public Health sowie Mitarbeitende im Bereich der Verwaltung gesucht. Eine stärkere Integration der genannten Berufsgruppen soll durch Inhalte des ÖGD in relevanten Ausbildungen und Studiengängen erfolgen.


    Der Beirat hat 2021 seine Arbeit aufgenommen und ist für die Dauer von zwei Jahren vom Bundesminister für Gesundheit im Einvernehmen mit der Gesundheitsministerkonferenz berufen worden. Diese erste Arbeitsperiode läuft nun aus. Wie geht es weiter?

    In der zweijährigen Mandatszeit hat der Beirat Pakt ÖGD drei Berichte zu folgenden Themen veröffentlicht:

    1. Empfehlungen zur Weiterentwicklung des ÖGD zur besseren Vorbereitung auf Pandemien und gesundheitliche Notlagen
    2. Empfehlungen für abgestimmte Kommunikationswege und -maßnahmen über Verwaltungsebenen hinweg in gesundheitlichen Krisen
    3. Wissenschaft und Forschung im und für einen zukunftsfähigen ÖGD

    Die drei Berichte wurden dem Gesundheitsminister am 16.03.2023 überreicht. Nun beginnt die zweite Mandatszeit des Beirates Pakt ÖGD, die bis Ende 2026 dauert. Sie ist somit angelehnt an den Zeitraum, in dem der Bund mit dem Pakt für den ÖGD vier Milliarden Euro für Personal, Digitalisierung und moderne Strukturen zur Verfügung stellt.


    Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

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    Interview mit BVPG-Präsidentin Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB: „Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben.“

    Interview mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) und BVPG-Vorstandsmitglied: „In einem modernen ÖGD wird Gesundheitsförderung zum Coachingprozess“.

    Interview mit Caroline Costongs, Direktorin von EuroHealthNet (EHN): „We need a systemic change to protect the wellbeing of people and planet.“

    Die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes gehört zu den BVPG-Schwerpunkten 2021-2023. Informationen zur 21. BVPG-Statuskonferenz „Gesundheit gemeinsam fördern – die Bedeutung des ÖGD für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung“ finden Sie hier.

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    Dr. Johannes Nießen | Seit 2019 Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Köln. Zuvor Leiter des Gesundheitsamtes Bezirksamt Hamburg Altona, Mitarbeiter am Gesundheitsamt der Stadt Bonn. Vorsitzender des Beirates Pakt ÖGD (Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst in Umsetzung des Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst) und Bundesvorsitzender des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD); Arzt für Allgemeinmedizin, öffentliches Gesundheitswesen und Sozialmedizin.

    Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: 75 Jahre WHO„Health For All – 75 years of improving public health“

    Am 7. April, dem Weltgesundheitstag, feiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit „Health For All – 75 years of improving public health“ ihr langjähriges Bestehen. Zum Jubiläum spricht Dr. Rüdiger Krech, Director Health Promotion, WHO, über Meilensteine der letzten Jahrzehnte, Vorbilder aus anderen Ländern und die zukünftige Rolle von Prävention und Gesundheitsförderung.

    Am Weltgesundheitstag blickt die WHO mit „Health For All – 75 years of improving public health“ zurück auf die Erfolge seit dem Gründungsjahr 1948. Was waren die Meilensteine der vergangenen Jahrzehnte?

    Wir freuen uns besonders, dass laut einer aktuellen Gallup Umfrage die WHO die respektierteste Internationale Organisation ist und von den meisten Menschen auf der Welt geschätzt wird. In jedem Jahrzehnt gab es Meilensteine, bei denen die WHO mitgewirkt hat, wie beispielsweise: der Aufbau von Public Health-Infrastrukturen in den 50er Jahren; die Ausrottung der Pocken in den 60er, Anfang 70er Jahren; die Umsetzung der Konzepte für gesündere Lebensweisen in den 80er und 90er Jahren; zu sozialen Determinanten und Allgemeinem Zugang zu Gesundheitsleistungen in den 90er und frühen 2000er Jahren.

    Aber die normative Arbeit, die oftmals nicht so im Fokus der Aufmerksamkeit steht, trägt besonders zur Gesundheit der Menschen bei: ob Nahrungsmittelsicherheit, Richtlinien zur Ernährung, Arbeitsschutzrichtlinien, Zulassung von Medikamenten in etwa 100 Ländern auf der Welt, Nachtflugverbote, Wasserqualität, Verkehrssicherheit, Emissionsschutzgesetze, Richtlinien für Krankenhaussicherheit, rechtlich bindende Konventionen zur Tabakkontrolle und zu Internationalen Gesundheitsvorschriften bei Ausbruch von Pandemien – all diese nationalen Richtlinien basieren meist auf der Analysearbeit der WHO und ihren Empfehlungen.

    Unser Jubiläum sollte aber nicht nur eine Bestandsaufnahme des Erreichten sein – es soll uns auch in die Zukunft blicken lassen: Wie soll die WHO in den nächsten Jahrzehnten oder besser noch in den nächsten fünf Jahren aussehen? Wir leben in einem Jahrzehnt der Krisen, in einer Zeit, die von Unsicherheit und Wandel geprägt ist. Wie können wir helfen, diese Welt resilienter zu machen, um so mit entstehenden Krisen besser umgehen zu können? Die Notwendigkeit einer effizienten und koordinierenden globalen Institution ist so wichtig wie nie zuvor in der Geschichte der WHO!


    Wir haben in Deutschland mit ungesundem Lebensstil und dessen Folgen zu kämpfen. Durch die Pandemie hat sich dieses Problem und die gesundheitliche Ungleichheit noch verschärft. An welchen Ländern müsste sich Deutschland orientieren, um Prävention und Gesundheitsförderung wirksamer werden zu lassen – für alle Bevölkerungsgruppen und in allen Lebenswelten?

    Zunächst einmal besteht in Deutschland eine große Chancenungleichheit. Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die sich sehr gesundheitsbewusst ernähren und verhalten.

    Deutschland ist gleichzeitig erstaunlicherweise aber auch oftmals das Schlusslicht in Europa, wenn es um gesunde Lebensweisen geht. Das liegt zum einen an einer derzeit schwachen Infrastruktur im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention, die eine koordinierte Public Health-Arbeit in diesen Bereichen erschwert. Zum anderen liegt es an einem laxen Umgang mit rechtlichen und fiskalpolitischen Instrumenten, die Deutschland eigentlich viel besser nutzen könnte.

    Der Anstieg an vermeidbaren chronischen Erkrankungen wird die Krise im Gesundheitssystem noch weiter verstärken. Dabei sind 65 Prozent aller Herzkreislauf- und Krebserkrankungen, Diabetes und Erkrankungen der Atemwege vermeidbar. Dazu: Die letzte Anhebung der Tabaksteuer in Deutschland liegt unterhalb des Inflationsniveaus und macht Rauchen im Endeffekt billiger, nicht teurer. Die Tabakkonzerne reiben sich die Hände.

    Aufgrund eines extrem hohen pro Kopf Verbrauchs von Zucker, der viel zu billig und überall zu haben ist, wird es in den nächsten Jahren einen weiteren starken Anstieg von krankhaft fettleibigen Menschen in Deutschland geben. Es muss ein radikales Umdenken in Deutschland stattfinden, wenn das deutsche Gesundheitssystem nicht zerbrechen soll.

    Andere Länder haben die Lobby der krankmachenden und todbringenden Industrie in der Tat besser im Griff. Von Australien, Neuseeland oder Mexiko kann man einiges lernen.


    Was bedeutet das UN-Nachhaltigkeitsziel 3 (Sustainable Development Goal 3, kurz: SDG 3) „Good Health and Well Being“ für Industrienationen wie Deutschland? Welchen Beitrag können Prävention und Gesundheitsförderung zum Erreichen dieses Zieles leisten?

    Das Ziel umfasst ja etliche Public Health-Bereiche – vom Recht auf reproduktive Gesundheit über allgemeinen Zugang zu Gesundheitsleistungen bis zu Verbesserungen im Bereich von Umwelt und Gesundheit. Aufgelistet werden aber auch konkrete Aktivitäten, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Deutschland ist hier bei vielen Aktivitäten gut aufgestellt. Aber es gibt dennoch dringenden Handlungsbedarf. So kann der Zugang zu Impfstoffen und Arzneimitteln nicht als „Charity“ verstanden werden, sondern muss auf dem Prinzip der Solidarität und auf Basis von epidemiologischen Daten erfolgen, wenn eine weitere Pandemie in diesem Jahrzehnt nicht weitaus schlimmere Folgen haben soll als die derzeitige.

    Darüber hinaus wächst die Unsicherheit der Menschen, weil sie die Vielzahl und die Tragweite der derzeitigen Krisen nicht gut einschätzen können. Gesundheitsförderung ist der Prozess, „Menschen zu befähigen, Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen“. Dazu muss man Menschen befähigen, Informationen gezielter zu bekommen, einzuordnen und für den persönlichen Lebensbereich und den damit verbundenen Verhaltensentscheidungen zu nutzen. Die Gesundheitsförderung hat dazu in den letzten vierzig Jahren hervorragende Instrumente entwickelt, die jetzt breit genutzt werden sollten. „Co-design“, „Befähigungsstrategien“, „Bürgerbeteiligung“, „Gesundheitskompetenz“ und „gesundheitsförderliche Gesamtpolitiken“ sind hier nur einige – zugegebenermaßen etwas sperrige – Begriffe, die die Kernkompetenz der Gesundheitsförderung beschreiben.


    Die Stärkung der Lebenswelt-/Settingorientierung, die Förderung der Gesundheitskompetenz sowie die Verankerung von Gesundheit in allen Politikbereichen (Health in All Policies, HiAP) gehören zu den thematischen Schwerpunkten der BVPG 2021-2023. Das sind auch Inhalte, die für das WHO-Ziel #HealthForAll von Bedeutung sind.

    Absolut. Die Umsetzung von populationsspezifischen Public Health-Interventionen findet in den Lebensräumen der Menschen statt, also dort wo Menschen leben, arbeiten, spielen, googeln. So sind Schulen, Arbeitsplätze oder Städte, aber auch Regionen oder Inseln Orte, die man gesundheitsfördernd gestalten kann.

    Verstehen wir beispielsweise Schulen als Lebensraum, in dem Schülerinnen und Schüler, Eltern, Angestellte und Lehrerkräfte einen Großteil ihres Tages verbringen, wird man den Schulalltag mit den Curricula, dem Schuldesign, den Versorgungsleistungen, den Schulwegen, der Art der Entscheidungsfindung und des Schulmanagements insgesamt in den Blick nehmen und auf ihre Auswirkungen auf die Gesundheit ausrichten.

    „Health in all Policies“ ist ein Ansatz, der die möglichen Auswirkungen von politischen Entscheidungen auf die Gesundheit in den Blick nimmt. Dabei werden politische Optionen erarbeitet, die als Entscheidungshilfe dienen. Wir haben gerade bei COVID gesehen, wie stark eine Gesundheitskrise in alle Bereiche unseres Lebens eingreift.

    Wir kannten die Zusammenhänge der öffentlichen Gesundheit mit Wirtschaft, Mobilität, Abfallwirtschaft, Finanzen, Bildung, Landwirtschaft oder Sozialem. Aber wie wichtig Entscheidungen in den Bereichen Stadtplanung, Kommunikation, Logistik, Beschaffungswesen, IT Technologien oder im Kulturbereich sind, ist vielen erst jetzt so richtig deutlich geworden. Diese Erfahrungen sollten wir nun nutzen, um Gesellschaften zu schaffen, die unser aller Wohlbefinden fördern. Ich finde, dass dies ein hervorragendes politisches Ziel ist, welches wir alle gemeinsam angehen könnten!


    Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

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    Interview mit BVPG-Präsidentin Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB: „Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben.“

    Interview mit Caroline Costongs, Direktorin von EuroHealthNet (EHN): „We need a systemic change to protect the wellbeing of people and planet.“

    Informationen zum Weltgesundheitstag 2023 und zum 75. Jubiläum der WHO finden Sie hier.

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    Dr. Rüdiger Krech | Since 2019 Director of the Department of Health Promotion at the World Health Organization (WHO) in Geneva. He heads WHO’s work on risk factors such as tobacco consumption and harmful use of alcohol and is responsible for work on health-promoting settings and programs for more physical activity. In addition to the normative work, his team supports Member States with appropriate health promotion instruments, such as health literacy, empowerment and community engagement, public health legislation and fiscal measures to design well-being societies.

    Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Klimawandel„Für die Gesundheitsgefahren des Klimawandels sensibilisieren“

    Basis der Beratungen beim Präventionsforum 2022 war das in einem partizipativen Prozess entwickelte Papier zur Gesundheits-, Sicherheits- und Teilhabeförderung in Lebenswelten im Kontext klimatischer Veränderungen (kurz: NPK-Papier Klima und Gesundheit). Dr. Monika Kücking, GKV-Spitzenverband, erläutert Ziele und Inhalte des Papiers.

    Das Präventionsforum, das die BVPG im Auftrag der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) durchführt, hatte 2022 „Klimawandel und Gesundheit – Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten“ als Schwerpunktthema.

    Die Nationale Präventionskonferenz verabschiedet Handlungsgrundlagen zur gesundheitsorientierten Bewältigung des Klimawandels

    Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt der Klimawandel die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit dar. Er bringt neue Gesundheitsprobleme mit sich, verstärkt bestehende und hat enorme Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Hierauf sollte reagiert werden. Klimawandelbedingte Gesundheitsgefahren können durch klimaschützende und -anpassende Maßnahmen vermindert oder verhindert werden. Dies kann angesichts der enormen Herausforderung nur durch einen gesamtgesellschaftlichen und politikfeldübergreifenden Ansatz sowie ein breites bürgerschaftliches Engagement gelingen. Auch Gesundheitsförderung und Prävention können hier einen Beitrag leisten. Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel sind in allen Lebenswelten wie Kommunen, Schulen und Betrieben als wichtige Aufgaben zu verankern und umzusetzen. Dabei müssen Mensch, Natur und Umwelt im Sinne eines „One Health“-Ansatzes systemisch betrachtet werden.

    Die Nationale Präventionskonferenz (NPK) möchte dazu beitragen, den mit dem Klimawandel einhergehenden gesundheitlichen Risiken frühzeitig durch lebensweltbezogene Aktivitäten zur Prävention, Gesundheits-, Sicherheits- und Teilhabeförderung zu begegnen. Dabei soll die beste verfügbare Evidenz zu wirksamen sowie zweckmäßigen Maßnahmen und Vorgehensweisen genutzt werden.

    Daher haben wir, die stimmberechtigten Mitglieder der NPK, uns 2022 unter Einbezug der beratenden Mitglieder sowie weiterer Organisationen und Verbände intensiv dem Thema Klimawandel und Gesundheit gewidmet. Gemeinsam haben wir in einem partizipativen Prozess Handlungsmöglichkeiten, -notwendigkeiten und insbesondere Unterstützungsbeiträge aufgabenbezogen zusammengetragen und transparent gemacht. Das entsprechende Papier mit dem Titel „Prävention, Gesundheits-, Sicherheits- und Teilhabeförderung in Lebenswelten im Kontext klimatischer Veränderungen“ (kurz: NPK-Papier Gesundheit und Klima) wurde auf dem Präventionsforum 2022 diskutiert, auf Basis der Erkenntnisse des Forums finalisiert und im November 2022 nunmehr von der NPK beschlossen.

    Ziel des NPK-Papiers Gesundheit und Klima ist es zum einen, in Deutschland für Gesundheitsförderung und Prävention Verantwortliche und Zuständige für die Gesundheitsgefahren des Klimawandels zu sensibilisieren. Zum anderen soll es zu einer Intensivierung präventiver Anstrengungen sowie zu einer verbesserten Koordination beitragen. Aus Sicht der NPK ist ein abgestimmtes Vorgehen unerlässlich, um die gesellschaftliche Herausforderung zu meistern, Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel vorzubeugen und klima- sowie gesundheitsschützend zu agieren.

    Eine erfolgreiche Bewältigung erfordert jedoch ein Zusammenwirken, das über die in Deutschland für Gesundheitsförderung und Prävention verantwortlichen und zuständigen Akteure hinausgeht. Aufgrund der Größe und Komplexität dieser Aufgabe kommt es darauf an, dass sich alle Träger öffentlicher Aufgaben zusammen mit Wirtschaft, Medien, Zivilgesellschaft engagieren. Besonders wichtig ist dabei ein hohes Maß an Transparenz und kontinuierlicher Abstimmung, um koordiniert und zielgerichtet zu handeln sowie Synergien auszuschöpfen. Einen Beitrag dazu soll das Papier der NPK leisten. Es skizziert Unterstützungsbeiträge, die die Mitglieder der NPK und die von ihnen repräsentierten Organisationen zur Bewältigung des Klimawandels und damit verbundener Gesundheitsgefahren beisteuern können.

    Mit dem NPK-Papier Gesundheit und Klima möchten wir einen Beitrag dazu leisten, dass Leistungen der Gesundheitsförderung und Prävention nicht nur die individuelle Gesundheit verbessern, sondern auch zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen beitragen. Dies kann aus unserer Sicht gelingen, wenn vorhandene Strukturen, Prozesse, Projekte und Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention bei der Planung und Umsetzung klimaschützender bzw. anpassender Aktivitäten berücksichtigt und Anknüpfungspunkte sowie Synergien genutzt werden.

    Zum Beispiel bieten kommunale bzw. stadtteilbezogene Netzwerke wie das Gesunde Städte Netzwerk oder Gesundheitsregionen die Möglichkeit, Themen bzw. Maßnahmen zu Klimaschutz und -anpassung praxisnah zu diskutieren, partizipativ zu entwickeln, aufeinander abzustimmen und nachhaltig zu verankern. Gleichzeitig sollten klimaschützende und -anpassende Elemente in bestehende verhältnis- und verhaltenspräventive, gesundheits-, sicherheits- und teilhabeförderliche Strukturen, Netzwerke, Prozesse, Projekte und Maßnahmen integriert und entsprechender Austausch gefördert werden. So können beispielsweise Maßnahmen zu einem gesundheitsfördernden Ernährungsverhalten zugleich die Klima- und die CO2-Bilanz sowie den Wasser- und Flächenverbrauch verbessern helfen.

    Dabei kann die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit den Erfolg wesentlich unterstützen. Ziel muss es sein, dass Aktivitäten partizipativ gestaltet werden, sodass sie für alle Menschen auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Bestehende Barrieren müssen abgebaut bzw. reduziert werden, um gesunde Umwelt- und Lebensverhältnisse für alle Menschen zu schaffen. Auch mit dem Klimaschutz und der Klimaanpassung verbundene finanzielle Belastungen müssen fair verteilt und sozial ausgewogen gestaltet werden.

    Das NPK-Papier Gesundheit und Klima, das im November 2022 von der NPK verabschiedet worden ist, soll fortan zu einem verstärkten Handeln führen. Wir freuen uns, wenn viele Akteure die Verbreitung des Papiers unterstützen und sich am weiteren Prozess auch mit eigenen Beiträgen beteiligen. Sie sind herzlich eingeladen, den Link zum NPK-Papier weiterzugeben und gemeinsam mit uns auf die Umsetzung der Empfehlungen hinzuwirken. Künftig sollen auch die Bundesrahmenempfehlungen nach § 20d Abs. 3 SGB V Aussagen zur Verhinderung und Minderung klimawandelbedingter Gesundheitsgefahren im Kontext lebensweltbezogener Gesundheitsförderung und Prävention treffen.

    Auch wenn das Thema Klimawandel im Gesundheitswesen insgesamt noch relativ neu ist, zeigte uns unter anderem das Präventionsforum 2022, dass sich neben der NPK bereits viele Akteure im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention auf den Weg gemacht haben. Neben dem gemeinsamen Handeln müssen gleichermaßen eigenverantwortlich notwendige Schritte im jeweiligen Einflussbereich eingeleitet und verfolgt werden.

    Der GKV-Spitzenverband als stimmberechtigtes Mitglied der NPK unterstützt die Verhütung der mit dem Klimawandel einhergehenden Gesundheitsgefahren im Bereich der Prävention zum Beispiel, indem er den Leitfaden Prävention, der als Grundlage für die Präventionsangebote der Krankenkassen dient, weiterentwickelte. Krankenkassen erhalten mit der Neufassung des Leitfadens erweiterte Handlungsmöglichkeiten zur Unterstützung der Versicherten, der kommunal Verantwortlichen sowie der Träger von Lebenswelten und Betrieben zu gesundheitlich relevanten Aspekten des Klimaschutzes und der Klimaanpassung.


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    Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Klimawandel: Interview mit Prof. Dr. Susanne Moebus, Direktorin des Instituts für Urban Public Health am Universitätsklinikum Essen und Keynote-Speakerin des Präventionsforums 2022: „Klimawandel und Gesundheit können zum positiven Narrativ werden“.

    Interview mit BVPG-Präsidentin Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB: „Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben“.

    Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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    Dr. rer. pol. Monika Kücking | Seit 2008 Leiterin der Abteilung Gesundheit beim GKV-Spitzenverband. Zuvor Abteilungsleiterin beim Verband der Angestellten-Krankenkassen und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen.

    Die Nationale Präventionskonferenz (NPK) wurde mit dem am 25.07.2015 in Kraft getretenen Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention eingeführt. Ihre Aufgabe ist es, eine nationale Präventionsstrategie zu entwickeln und fortzuschreiben (§§ 20d und 20e SGB V). Träger der NPK sind die gesetzliche Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung sowie die soziale Pflegeversicherung, vertreten durch ihre Spitzenorganisationen: GKV-Spitzenverband, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau sowie Deutsche Rentenversicherung Bund. Sie bilden die NPK als Arbeitsgemeinschaft nach § 94 Absatz 1a SGB X.

    Der GKV-Spitzenverband ist der Verband aller gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. Als solcher gestaltet er den Rahmen für die gesundheitliche Versorgung in Deutschland; er vertritt die Kranken- und Pflegekassen und damit auch die Interessen der 73 Millionen Versicherten und Beitragszahlenden auf Bundesebene gegenüber der Politik und gegenüber Leistungserbringenden wie der Ärzte- und Apothekerschaft oder Krankenhäusern. Der GKV-Spitzenverband übernimmt alle nicht wettbewerblichen Aufgaben in der Kranken- und Pflegeversicherung auf Bundesebene.

    Transkulturell sensible Gesundheitsförderung„Transkulturell sensible Gesundheitsförderung partnerschaftlich gestalten!“

    Eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung kann die Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen erleichtern und zum Gelingen von Maßnahmen beitragen. Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums (EMZ), über das seit Jahren erfolgreich eingesetzte Gesundheitsprojekt „MiMi – mit Migranten, für Migranten“.

    Jeder Kulturkreis hat andere Zugänge zu Prävention und Gesundheitsförderung. Transkulturelle Kompetenz und Sensibilität rücken verstärkt in den Fokus fachlichen Handelns. Wie lassen sich Migrantinnen und Migranten erfolgreich erreichen?

    In Deutschland leben 22,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, sie bilden aktuell rund 26,7 Prozent der Bevölkerung. Die Zusammensetzung dieser Bevölkerungsgruppe ist kulturell, religiös, sozial und sprachlich von extremer Diversität geprägt.

    Studien zeigen, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) im Durchschnitt geringer ist als bei der Gesamtbevölkerung.

    Das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. (EMZ) hat sich deshalb als Migrationsorganisation zum Ziel gesetzt, die Gesundheitskompetenz von Menschen aus dem migrantischen Umfeld zu verbessern, um deren Gesundheitsrisiken zu mindern. Wir helfen ihnen seit 1989 dabei, sich im komplexen deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden, fördern gesunde Lebensweisen und tragen zu transkultureller Sensibilität und Handlungskompetenz im Gesundheitswesen bei.

    Wir haben durch unsere Arbeit erfahren, dass Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete Informationen benötigen, um ihrerseits die kulturellen, religiösen, sozialen und gesundheitlichen Sichtweisen und Werte des Aufnahmelandes zu verstehen. Die Überwindung von Barrieren ist also eine Aufgabe auf Augenhöhe, in der gemeinsam „Anpassungsleistungen“ beziehungsweise „Integrationsmotivation erfolgen muss. So können auf der einen Seite transkulturell sensible Handlungskompetenz und auf der anderen Seite Gesundheitskompetenz aufgebaut werden und im Ergebnis Vertrauen und Compliance entstehen.


    Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland stehen den Herausforderungen einer zunehmend von Diversität geprägten Gesellschaft gegenüber. Das Ethno-Medizinische Zentrum verfügt mit seinen transkulturellen Gesundheitskompetenz-Ansätzen über umfangreiche Erfahrungen in der Förderung von Gesundheitskompetenz und gesundheitlicher Chancengleichgleichheit bei Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten – insbesondere durch den Einsatz des „MiMi-Programms“.

    Das MiMi-Programm ist eine soziale Schlüsseltechnologie zur Entwicklung transkultureller Gesundheitskompetenz, Etablierung gesunder Lebensweisen und zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Es fördert die Inanspruchnahme von Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens und den Zugang zu muttersprachlichen, transkulturell sensiblen Gesundheitsinformationen für Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete.

    Die Implementierung eines MiMi-Programms in einer Kommune beziehungsweise einem Standort dauert erfahrungsgemäß zwölf bis 18 Monate. Die MiMi-Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren erfüllen Mindestanforderungen in Bezug auf Bildung, Sprachkenntnisse und Berufserfahrung und in der Regel ist ihr persönlicher Integrationsgrad weit fortgeschritten.

    Für das MiMi-Programm wurde ein umfassender standardisierter Lehrplan erstellt. Die Schulungen werden als „Executive Education“ in deutscher Sprache abgehalten und befähigen zur Planung, Durchführung und Evaluation von Gruppenveranstaltungen.

    Im Rahmen der MiMi-Kampagnen und Informationsveranstaltungen für Migrantinnen und Migranten werden mehrsprachige Gesundheitswegweiser-Broschüren, in denen die Teilnehmenden schriftliche Informationen in ihrer Muttersprache erhalten, verbreitet. Diese „Health Guides“ stehen in bis zu 18 Sprachen als Schwerpunkthefte zu den jeweiligen gesundheitlichen Handlungsfeldern und Themen des MiMi-Programms zur Verfügung.

    Weitere wichtige Bausteine des MiMi-Programms sind Evaluations- und Forschungsmaßnahmen, Fortbildungsangebote für Fachkräfte öffentlicher Gesundheit, sowie Maßnahmen zur öffentlichen und politischen Kommunikation von Gesundheitskompetenz mit und für Migrantinnen und Migranten.

    Die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure sowie das Prozessmanagement des MiMi-Programms stellen die größte Herausforderung dar. Mit dem MiMi-Programm wirkt das EMZ, ausgehend von seiner Bundeszentrale in Hannover und seinen Dependancen, dem MiMi Lab Berlin, dem Münchner MiMi-Integrationszentrum Bayern, dem Projektzentrum MiMi-Delta in Mannheim und dem Projektzentrum MiMi-Reha in Hamburg, in elf Bundesländern.


    Welche Reichweiten hat das MiMi-Programm erzielt?

    In den letzten 15 Jahren wurden gemeinsam mit über 400 Kooperationspartnerinnen und -partnern mehr als 2.800 Mediatorinnen und Mediatoren an über 70 Projektstandorten ausgebildet und 15.200 Gruppenveranstaltungen in 55 Sprachen und Dialekten durchgeführt, die von mehr als 200.000 Migrantinnen und Migranten besucht wurden. Zählt man die rund 940.000 verteilten Gesundheitsratgeber hinzu, wurden insgesamt fast 1.2 Mio Begünstigte erreicht. Wir haben auch MiMi-Projekte an zahlreichen Standorten in Österreich, Dänemark, Belgien oder der Türkei durchgeführt, die in diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind.

    Das EMZ kann im Rahmen seiner Arbeit auf weitreichende wissenschaftliche Kooperation und Unterstützung von Hochschuleinrichtungen im In- und Ausland bauen. Hierzu zählen u. a. die Bevölkerungsmedizin der Medizinische Hochschule Hannover, mit der ein Forschungsprojekt im Rahmen des Programms zur MiMi-Suchtprävention durchgeführt wurde. Das Institute for Transcultural Health Sciences der Dualen Hochschule Baden-Württemberg begleitet und evaluiert unser, von der Bundesintegrationsbeauftragten gefördertes, bundesweites, MiMi-Programm zur Gewaltprävention und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung an Universität Bremen ist für die Evaluation unseres MiMi-Programms zur Gesundheitsförderung in Deutschland zuständig, das vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird. Im Rahmen von EU-Projekten, darunter vom BIBB geförderte Erasmusmaßnahmen, kooperieren wir u. a. mit der Technischen Hochschule auf Zypern, der Universität von Valencia und der SAPIENZA Universität in Rom.

    Die Evaluation und Qualitätssicherung unserer MiMi-Programme zur medizinischen Rehabilitation, die wir gemeinsam mit Deutschen Rentenversicherungen durchführen, werden durch gemeinsame Forschungsaktivtäten des EMZ mit dem Zentrum für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung der Universität zu Lübeck gesichert.


    Gemeinsam mit BVPG-Vorstandsmitglied Sieglinde Ludwig sind Sie im Beirat des DOSB-Projekts GeniAl (Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter), das gesundheitspräventive Maßnahmen für ältere Migrantinnen und Migranten entwickeln und nachhaltig implementieren soll.

    Wir unterstützen das Projekt GeniAl und den DOSB dabei, gesundheitsförderliche Maßnahmen für Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund weiterzuentwickeln. Es ist ein Kernvorhaben des Nationalen Aktionsplans Integration (NAP-I), das bis Ende 2023, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI), Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) umgesetzt werden soll.

    Die große Herausforderung beim Thema Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge älterer Menschen mit Migrationshintergrund ist die Erreichbarkeit. Wir haben gemeinsam mit dem Kooperationsnetzwerk des Projekts festgestellt, dass mit konkreten Maßnahmen, die sich stark an den Interessen und Erfahrungen der Betroffenen orientieren und mit ihnen gemeinsam entwickelt werden – zum Beispiel gemeinsam „gesund“ zu kochen – die Zielgruppe am besten erreicht und motiviert werden kann.

    Auch spielen geschlechterbezogene sensible Vorgehensweisen eine wichtige Rolle. Hier wird es von den Betroffen als weniger angenehm empfunden, und eher mit Scham erlebt, dass beispielsweise Männer das Training von Frauen übernehmen. Das mag auch bei der Mehrheitsbevölkerung vorkommen, ist aber bei einem viel größeren Anteil der migrantischen Bevölkerung festzustellen.

    Es hat sich bei der Umsetzung der bisherigen Maßnahmen herausgestellt, dass in Strukturen des Sportwesen sehr effektive Zugänge zu Migrantinnen und Migranten möglich sind. In diesem Rahmen konnten beispielsweise für Frauen Informationsabende über Brustkrebs und für die Männer über Prostatakrebs organisiert werden, die auf großen Zuspruch trafen. Auch finden Seniorinnen, die meistes verwitwet und häufig sehr einsam sind, in diesen Zusammenhängen neue Freundschaften und treffen auf Menschen mit ähnlichen Interessen.

    Das sind wichtige Entwicklungen für migrantische Seniorinnen und Senioren, denn der Sport selbst setzt schon seit Jahrzehnten erfolgreich Integrationsprogramme um und hat geeignete weitflächige Infrastrukturen.


    Die Corona-Pandemie hat noch einmal deutlich gemacht, dass Nachholbedarf bei der Umsetzung einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung besteht. Welche Lücken müssen geschlossen werden, damit Menschen mit Migrationshintergrund in ihren Lebenswelten besser erreicht werden können?

    Gesundheit ist ein wesentlicher Schlüssel, um sich im Sozialgefüge zu bewegen und die eigenen Möglichkeiten nutzen und einbringen zu können. Dies gilt in verstärktem Maße für Menschen mit Migrationshintergrund. Damit sie gesund leben oder sich im Bedarfsfall kompetent und sicher im Versorgungssystem bewegen können, benötigen sie ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz.

    Wichtigstes Ziel einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung ist es deshalb, die Lebensbedingungen, Bedarfe und Interessen der migrantischen Bevölkerung in das eigene institutionelle und professionelle Handeln zu inkludieren. Dies bedeutet, dass in allen Angeboten gesundheitlicher Regelversorgung sprachliche, soziale und kulturelle Unterschiede in ihrer ganzen Vielfältigkeit angemessen berücksichtigt werden. Auf der Basis von Erfahrungen in Zeiten der Pandemie gilt dies nicht nur für die bisherigen analogen, sondern zunehmend auch für neuen digitalen Zugangswege.


    Wie gelingt eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung in der Praxis?

    Ein transkulturell sensibler und kompetenter Umgang mit Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten kann beispielsweise durch Weiterbildungen des Personals oder durch den konzeptionell und finanziell gesicherten Einsatz von versierten Gemeindedolmetscherinnen und -dolmetschern gesichert werden.

    Die zunehmende kulturelle Diversität der Bevölkerung sollte sich in der Personalzusammensetzung des Gesundheitswesens widerspiegeln. Hierfür wird mehr Personal mit Migrationshintergrund als bisher und ein entsprechendes „Diversity Management“ beziehungsweise transkulturelle Personalentwicklung benötigt.

    Ein bewährter, zugehender Weg die Gesundheitskompetenz der Migrantinnen und Migranten zu stärken und sie für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention zu erreichen, ist die Ausbildung von Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren für die muttersprachliche Informationsvermittlung in den migrantischen Lebenswelten (Transkultureller Setting-Ansatz). Die „dienstältesten“ und einzigen bundesweiten Angebote sind im MiMi-Programm des Ethno-Medizinischen Zentrum zusammengefasst. Es sind jedoch viele weitere gute Projekte auf regionaler Ebene entstanden, so beispielsweise mit Mediator:innen, „Lots:innen“, „Stadtteilmüttern“ oder „Gesundheitsmangerinnen“, die zu verschiedensten Gesundheitsthemen in migrantischen Communities wirken.

    Letztlich gilt es, sensibel dafür zu sein, Migration als „Normalfall mit speziellen Herausforderungen und Potentialen“ und nicht als „defizitäre Sonderform der Lebensgestaltung“ zu begreifen. Die Förderung der transkulturellen Gesundheitskompetenz in den migrantischen Communities und die Sicherstellung kompetenter transkulturell sensibler Angebote der Gesundheitsförderung erfolgt idealerweise nicht nur für, sondern im partnerschaftlichen Zusammenwirken mit Migrantinnen und nach Möglichkeit auch mit deren Selbstorganisationen. Wie sagt man so schön: „Der Weg ist das Ziel!“


    Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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    Interview mit BVPG-Präsidentin Dr. Kirsten Kappert-Gonther, MdB: „Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben“.

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    Ramazan Salman | Diplom-Sozialwissenschaftler, seit 1992 Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V., Erfinder der MiMi-Integrationstechnologie. 2022 Verleihung der „Europamedaille“ des Landes Bayern für die Verdienste zur Gesundheit in Europa. Seit 2017 Mitglied des Global Future Council des World Economic Forum. 2015 vom European Forum zum „Pionier des Europäischen Gesundheitswesen“ ernannt. Träger des Bundesverdienstkreuzes. Mitglied im Editorial Board des WHO-Newsletters „Migration and Health“. Herausgeber zahlreicher Bücher zu Migration, Gesundheit und Integration.