Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Arbeitswelt„Betriebliche Gesundheitsförderung muss auch bei den Ursachen für Belastungen ansetzen“

Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Wandel der Arbeitswelt hin zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft haben sich neue Arbeitsformen entwickelt. Mit Dr. Elke Ahlers, Leiterin des Referats „Qualität der Arbeit, Hans-Böckler-Stiftung, und Referentin auf dem Präventionsforum 2023, sprechen wir über Risiken und Potenziale neuer Arbeitsformen.

Frau Dr. Ahlers, im Mittelpunkt des Präventionsforums 2023, das die BVPG im Auftrag der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) durchführte, stand das Thema „Anforderungen an Gesundheitsförderung und Prävention in der Arbeitswelt von morgen: menschengerecht, barrierefrei und klimasensibel“. Sie haben mit einem Fachvortrag Ihre Expertise beim Präventionsforum eingebracht. Worüber haben Sie referiert?

Ich habe über die Potenziale neuer Arbeitsformen gesprochen – und dabei vor allem die Perspektive der Mitarbeitenden in den Vordergrund gestellt. Also was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich von ihrer Arbeit wünschen und was nötig ist, um Arbeit gesundheitsförderlich zu gestalten.


Welche Bedürfnisse und Werte sind Mitarbeitenden mit Blick auf ihr Arbeiten wichtig?

Einerseits wirken etwa mit der Digitalisierung zurzeit verschiedene soziale und wirtschaftliche Einflüsse auf den Arbeitsmarkt ein, die die Arbeitsbedingungen beeinflussen. Zugleich haben die Beschäftigten z. B. aufgrund des demografischen Wandels mit zunehmender Frauenerwerbstätigkeit und alternden Belegschaften veränderte Wünsche an ihre Arbeit.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind gut ausgebildet und arbeiten sehr gern, aber sie wollen flexibler, selbstbestimmter und kürzer arbeiten – also mit geringerer Wochenarbeitszeit. Zudem würden die Menschen gerne sinnstiftender arbeiten und sich mit eigenen Ideen beteiligen. Und natürlich wünschen sie, dass sie selbst und ihre Arbeit wertgeschätzt werden – was gleichzeitig ein wichtiger Faktor für die Gesundheit der Beschäftigten ist.


Wie reagiert die Arbeitswelt auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden?

Haupttreiber für den Wandel der Arbeitswelt sind die Digitalisierung und die Flexibilisierung, aber auch, wie genannt, die höhere Bildung der Beschäftigten und die veränderte Beschäftigtenstruktur mit einem höheren Altersdurchschnitt, immer mehr Frauen, jungen Eltern und der großen Gruppe der Babyboomer, die bald in den Ruhestand geht.

Die Arbeitswelt reagiert auf diese ökonomischen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Anforderungen mit vielfältigen und flexibleren Arbeitsarrangements. Sie werden vielfach unter dem Sammelbegriff New Work subsumiert – obwohl dieser Begriff eigentlich ein eigenes philosophisches Arbeitskonzept meint.

In der Praxis sind mit dem umgangssprachlich verwendeten Sammelbegriff New Work zumeist folgende Arbeitsformen gemeint:

  • hybrides Arbeiten, also die Kombination aus Home-Office und Anwesenheit im Betrieb, auch bekannt als orts- und zeitflexibles Arbeiten,
  • Projekt- oder Teamarbeit, ein bekanntes, sich ausbreitendes Konzept, in dem verstärkt selbstorganisiert und ergebnisorientiert gearbeitet wird,
  • agiles Arbeiten, das von den Mitarbeitenden eine hohe Flexibilität, schnelle Handlungsfähigkeit und die Bereitschaft verlangt, innovativ zu denken und inzwischen branchenübergreifend Einzug in die Unternehmen findet.

All diesen Arbeitsformen sind das selbstorganisierte und eigenverantwortliche Arbeiten gemein. Man findet sie vor allem in höherqualifizierten Angestelltenberufen mit einem hohen Digitalisierungsgrad. Zwar gibt es keine Daten darüber, wie viele Menschen in solch flexiblen Arbeitsarrangements tätig sind, jedoch lässt sich ein Trend feststellen, dass sich das selbstorganisierte und flexible Arbeiten mit all seinen Chancen und Risiken branchenübergreifend ausbreitet.


Welche Chancen und Risiken bergen die neuen Arbeitsformen für die Gesundheit der Mitarbeitenden?

Mit Blick auf die Chancen und Risiken zeigt sich eine ambivalente Situation: Einerseits bieten die neuen Arbeitsformen enormes Potenzial für gutes und gesundes Arbeiten. Dazu gehören Rahmenbedingungen, wie man sie sich generell für alle Beschäftigten wünschen würde, etwa: orts- und zeitflexibles Arbeiten, freies, kreatives, eigenverantwortliches und ergebnisorientiertes Arbeiten, Beteiligung und Partizipation der Beschäftigten im Arbeitsprozess, Sinnstiftung und Identifikation mit gemeinsam entwickelten Arbeitszielen.


Und wie sieht die Umsetzung in der Praxis aus?

Modellhafte Vorstellungen und die betriebliche Realität liegen oft weit auseinander. Flexible Arbeitsarrangements brauchen ein betriebliches Setting, um funktionieren zu können. Dazu gehören ausreichende Personalkapazitäten, eine vertrauensvolle Unternehmenskultur und ein angemessenes Führungsverhalten.

In vielen Betrieben sind Personalengpässe wegen des Fachkräftemangels an der Tagesordnung, aber ebenso, weil Personaldecken betriebswirtschaftlich zu knapp kalkuliert sind. Die neuen Arbeitsformen können wegen der hohen Eigenverantwortung und Selbstorganisation dann leicht dazu führen, die Mitarbeitenden zu überfordern, z. B. durch Mehrarbeit, Arbeitsintensivierung und Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit.

Ebenso können die hohe Identifikation der Beschäftigten mit ihrer Arbeit, aber auch Teamdruck sowie das Bedürfnis der Beschäftigten, hochwertige Arbeitsergebnisse zu präsentieren, zu Überlastung führen. Bei agiler Arbeit können überdies regelmäßige „Sprints“, in Form einer etappenbasierten Erfolgskontrolle von Zwischenergebnissen, Druck und Angst erzeugen. Auch verlieren Beschäftigte bedingt durch hohe kundenorientierte Arbeitsanforderungen an Arbeitszeitsouveränität.

So können die wunderbaren Attribute Flexibilität und Agilität bei fehlenden Personalressourcen wie ein Bumerang als Risiken und Belastungen für die Beschäftigten zurückschwingen – und somit Treiber für Entgrenzung, Überforderung und Verschleiß sein.


Wie können Prävention und Gesundheitsförderung auf die von Ihnen genannten Herausforderungen reagieren?

Für die Prävention ist es schwierig, dieses Dilemma, in dem die Beschäftigten sich befinden, aufzugreifen. Wir wissen, dass Beschäftigte mit Blick auf Überforderung und Selbstausbeutung für Akteure der betrieblichen Gesundheitsprävention schwer anzusprechen sind: diese Beschäftigten sehen sich in der Sachzwanglogik von Termindruck, Personalengpässen, Kundenorientierung und wechselnden arbeitsorganisatorischen Anforderungen gefangen und betrachten dadurch die Überforderung in der Arbeit als ein sehr individuelles Problem des Versagens. Sie selbst lösen das Dilemma eher durch Mehrarbeit als durch die Einsicht, dass hier präventive Maßnahmen hilfreich wären.


Was ist konkret zu tun, um gesundheitlichen Folgen vorzubeugen?

Zunächst geht es darum, bei den Ursachen der gesundheitlichen Risiken anzusetzen – und das ist vielfach die Überlastung mit Blick auf Arbeitsmenge, Leistungsanforderungen und Zeitdruck.

Daher sollten Prävention und Gesundheitsförderung stärker als bisher die betrieblichen und individuellen Ressourcen in den Blick nehmen und sich fragen, ob diese ausreichen, um die Arbeitsanforderungen gesundheitsschonend auszuüben:

  • Ist die Arbeitsmenge mit den vorhandenen Personalbudgets auf Dauer wirklich zu bewältigen?
  • Sind Zeitvorgaben realistisch, um die Arbeitsaufgaben zu bewältigen?
  • Sind Leistungsanforderungen, wie permanente Serviceorientierung und Konkurrenzfähigkeit zu anderen Unternehmen, auf Dauer realistisch?
  • Ist die soziale Unterstützung durch Führungskräfte oder Kollegen ausreichend?
  • Gibt es Bedarf an Weiterbildung oder Anpassungsqualifizierung und haben die Beschäftigten genug Zeit, sich in der Arbeitszeit so weiterzubilden, dass sie ihren Aufgaben tatsächlich gewachsen sind?

Neben der Frage der Ressourcen sollten die Beschäftigte über ein Empowerment lernen, auf Augenhöhe mit Führungskräften zu sprechen. Dies ist wichtig, um bei den Führungskräften oder dem Management nicht nur ihre Potenziale, sondern zur Vorbeugung von gesundheitlichen Risiken auch selbstbewusst und vorausschauend die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit aufzuzeigen.

Notwendig ist also eine Sensibilisierung für krankmachende Arbeitsbedingungen, für Zusammenhänge zwischen (überfordernder) Leistungskultur im Team, Arbeitsorganisation, Arbeitsmenge, Konkurrenzdruck und dauerhafter Überforderung.


Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz umgesetzt werden kann?

Beschäftigte brauchen rechtlich verbindliche und angstfreie Partizipationsmöglichkeiten sowie Regulierungen, die sie dabei unterstützen, selbst Einfluss auf Arbeitsmenge und -gestaltung nehmen zu können. Zu einem veränderten Miteinander im Unternehmen sind auch Führungskonzepte erforderlich, die stärker auf Vertrauen und Wertschätzung statt auf Kontrolle setzen.

Daher sollte auch ein prozessorientiertes betriebliches Gesundheitsmanagement stärker als bisher mit dem Management und der damit verbundenen Leistungskultur in dem Unternehmen verzahnt sein, um zu hinterfragen, ob Leistungserwartungen und Ressourcenausstattung realistisch sind.

Prävention muss schon im Management und in der Organisation mitgedacht werden. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen einerseits mit höchster Wettbewerbskultur, Flexibilität und Kosteneffizienz wirbt und die Beschäftigten andererseits mit dem entstehenden hohen Arbeitsdruck allein lässt.


Was genau ist zu tun?

Zu diesem prozesshaften Gesundheitsmanagement gehören regelmäßige und partizipative Gefährdungsbeurteilungen mit dem Ziel, Arbeitsbelastungen zu erheben und gemeinsam nach Ursachen zu suchen, um Belastungen über dieses Verfahren schrittweise zu reduzieren. Dafür ist es sinnvoll, die Beschäftigten viel stärker in die Beurteilung der Arbeitsbelastungen einzubeziehen.

Es braucht mehr organisatorische Gestaltungslogik in der betrieblichen Gesundheitsprävention. Präventionskonzepte, die übergreifend die individuelle und die betriebliche Ebene berücksichtigen, sind zukunftsfähig, wenn sie:

  • die Leistungskulturen berücksichtigen, in deren Kontext die Beschäftigten arbeiten, wie Wettbewerbsdruck oder enge Deadlines,
  • durch eine gesundheitsförderliche Führung begleitet werden und
  • die Beschäftigten sensibilisieren und befähigen, auch Eigenverantwortung für ihre Arbeit und ihre Gesundheit zu übernehmen und – wenn nötig – Grenzen zu setzen.


Die Fragen stellte Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

Lesen Sie dazu auch:

Beitrag von Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Weiterentwicklung des Handlungsfeldes Prävention und Gesundheitsförderung“.

Interview mit Prof. Dr. Mathilde Niehaus, Leiterin der Abteilung Arbeit und berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln und Keynote-Speakerin des Präventionsforums 2023: „Mehr Forschung und mehr Partizipation!“.

Weitere Informationen zum Präventionsforum erhalten Sie hier.

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Dr. Elke Ahlers | Seit 2013 Leiterin des Referats „Qualität der Arbeit“ am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung mit den Schwerpunkten: Wandel der Arbeitswelt, Betriebliche Gesundheitsprävention, Flexibilisierung von Arbeit, selbstorganisierten und ergebnisorientierten Arbeitsformen sowie der Vermeidung von gesundheitlichen Risiken in der flexiblen Arbeit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Gesundheitskompetenz„Health literacy champions are in demand!“

Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und umzusetzen. Warum ist eine hohe Gesundheitskompetenz so wichtig? Wie kann sie erlangt werden? Und welche Rolle spielen dabei die Gesundheitsprofessionen? Kristine Sørensen, Präsidentin der International Health Literacy Association, gibt Antworten.

Health literacy leadership – a new professional qualification?

A health literacy champion is a person or an organization who enthusiastically and relentlessly defends and fights for the cause of health literacy to the benefit of people and societies at largeSørensen, 2021

The growing awareness of the importance of health literacy has increased the interest in mobilizing changemakers who can help facilitate health literacy development of people and communities as well as organizations, strategies, and policies. However, little is still known about the role of the modern day’s health literacy champions, their practice, and virtues.

During history, the term champion has had different meanings. In modern times, a champion is usually envisaged as someone who has won the first prize and raise the trophy above his head. However, centuries ago a champion meant a knight who was fighting on behalf of others, someone who undertakes to defend a cause. The knights swore to defend the weak and to uphold virtues like compassion, loyalty, generosity, and truthfulness. These virtues also matter today, especially when the aim is to leave no one behind with regards to health literacy.


The importance of health literacy for people-centered services

Health literacy concerns the ability to access, understand, appraise, and apply information to manage health when being ill, at risk and wanting to stay healthy. Acknowledging that the response to health literacy issues is crucial to provide people-centered care, a growing number of organizations have begun to address system-level factors to support patients, clients, and consumers in making informed health decisions concerning treatment, prevention and promotion. It has also been recognized that addressing health literacy is an integral feature of delivering culturally and linguistically appropriate services to diverse populations. Essentially, addressing health literacy saves time, costs, and lives.

However, research made it evident that population health literacy limitations are a public health challenge. In response, professionals around the world have got engaged to bridge the gap. Health literacy is measurable and modifiable and taking action can help improve the health and well-being of people and societies. The catalyst of change is not always with the people. Most often, it is the professionals that are acting as change agents and advocate for its dissemination. In this regard, the question becomes apparent whether health literacy leadership is a new professional qualification in the making.


Health literacy leadership as a professional qualification in public health

A professional qualification refers to an advanced vocational credential based on specialized training in a specific profession or area of work. Pursuing a professional qualification can expand the opportunity for achieving a higher salary, qualify for a new position or earn specific recognition. For instance, across the world, several health literacy awards have been gifted to health literacy champions who have provided outstanding results and societal impact. The awards include, for example, the Well-Done Health Literacy Award launched by MSD in Belgium which aims to stimulate best practice-sharing to empower patients, optimize the communication between healthcare professionals and patients and ultimately to safeguard the sustainability of the healthcare system.

Due to the complexity of systems, new health challenges and advancement of technology – the need to be highly skilled and more adaptable is higher than ever before. As an inter-disciplinary skill health literacy is applied in a wide range of sectors. It is becoming a sought-after competence among academics, health professionals of all sorts, and in areas beyond health such as community work, journalism, publishing, IT technology, etc. Moreover, the call for healthcare organizations to meet the needs of the people they serve is spreading and the demand for employees trained in health literacy is therefore growing.


Bringing health literacy qualifications to life

Integrating health literacy as a strategic priority in all organizations requires health literacy training and leadership. Yet, it is not a given that professionals are skilled in conducting health literacy friendly communication and interventions. Health literacy is a professional qualification that needs to be nurtured and developed in professional educational programms and as part of post-graduate training in the workplace. Despite the call to action, only a few educational institutions and universities teaching health programms have so far included health literacy as an integral part of their curriculum. And there are even less opportunities for post-graduate training or workforce development in the field of health literacy. Other barriers include lack of commitment from the management, lack of resources and procedures and policies.

„Health literacy champions are in demand!“ – Kristine Sørensen

The health literacy qualification will only be brought to life when it is integrated into daily practice of the organizations involved in promoting health and well-being. To make a profound change, health literacy needs to be apparent in the boardroom as well as on the work floor. Organizational health literacy can help build a person-centered, evidence-based, and quality-driven organization, however, it requires a substantial change and reform of the organizational thinking.


Recognizing the need for health literacy leadership in organizations

To stimulate the process organizations are encouraged to identify change agents, health literacy champions, who can induce the process and develop it according to the organizations´ focus and context. The health literacy champions can move the agenda forward and explain the necessity to perform a change of practice. It may meet resistance, but mostly, the immediate impact of more content clients and patients also creates more content employees. Staff that helps to make it easier for clients and patients to access, understand, appraise and apply information to manage their health may also find it rewarding to see how an empowered patient will become more active and engaged and take control regarding self-care and needed actions for better outcomes. When patients and providers work in partnerships, it can undoubtedly enhance the success of the patient journey. The health literacy commitment needs to come from champions positioned in the highest levels of the organization to ensure a substantial impact.

Moving health literacy from the margin to the mainstream rarely happens without the engagement of health literacy champions. The challenge in the future is to keep recognizing people who can undertake the role of pushing health literacy to the next frontier through health literacy leadership. Acknowledging the need for the development of health literacy leadership as professional qualification and emphasizing the role of higher education institutions in this process can accelerate the process.


Lesen Sie dazu auch:

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann: „Die strukturelle Gesundheitsförderung findet zu wenig Beachtung“.

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Kristine Sørensen | Executive advisor on health literacy. She helps leaders improve health literacy by design. She has a background in public health and global health diplomacy and works with the public and private sector as well as civic society to develop health literacy for all. Kristine Sørensen is the president of International Health Literacy Association and chair of Health Literacy Europe.

Weiterführende Literatur:

Brach, C. (2017). The Journey to Become a Health Literate Organization: A Snapshot of Health System Improvement. Studies in Health Technology and Informatics, 240, 203–237. Retrieved from http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28972519

Brach, C., Dreyer, B. P., Schyve, P., Hernandez, L. M., Baur, C., Lemerise, A. J., & Parker, R. M. (2012). Attributes of a Health Literate Organization. Institute of Medicine.

Farmanova, E., Bonneville, L., & Bouchard, L. (2018). Organizational Health Literacy: Review of Theories, Frameworks, Guides, and Implementation Issues. Inquiry : A Journal of Medical Care Organization, Provision and Financing, 55, 46958018757848. https://doi.org/10.1177/0046958018757848

Sørensen, K. (2016). Making health literacy the political choice. A health literacy guide for politicians. Global Health Literacy Academy.

Sørensen, K. (2021). Health literacy champions in New Approaches to  Health Literacy. Linking Different Perspectives. Springer.


Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention„Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention als Chance!“

Seit April 2021 hat die Universität Bielefeld die erste Professur für „Geschlechtersensible Medizin“ in Deutschland eingerichtet und mit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione besetzt. Ein Gespräch über divers zusammengesetzte Teams, Stereotypen und erfolgreiche internationale Ansätze. 

Welche Chancen ergeben sich durch eine geschlechtersensibel ausgerichtete Gesundheitsförderung und Prävention?

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass „ein Ansatz für alle“ sehr häufig nicht funktioniert. Menschen erleben unterschiedliche Lebensumstände, aus denen sich unterschiedliche Gesundheitsbedarfe ergeben.

Wir wissen, dass es Geschlechterunterschiede gibt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Zugänge haben können zum Gesundheitssystem, das trifft auf Deutschland zu, aber auch auf viele andere Länder.

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention ist eine Chance, denn sie zielt darauf ab, Menschen passgenauer anzusprechen, ihre Lebenswelt miteinzubeziehen und mehr Diversität möglich zu machen. Es geht darum, Angebote so zu gestalten, dass sie Menschen ansprechen können und sie dort besser abholen zu können, wo sie sich befinden. Wir versuchen die Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern und innerhalb der Gruppe eines Geschlechtes zu verstehen und durch diese Transparenz bessere Informations- und Aufklärungsmöglichkeiten zu schaffen.


Bereits ab dem 10. Lebensjahr differenzieren sich Mädchen und Jungen in ihrem Gesundheitsverhalten. Was bedeutet das für Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention?

Ich denke, es gibt hierbei verschiedene Ebenen, die man betrachten sollte.  Einerseits gibt es potenzielle geschlechtsspezifische Unterschiede und Präferenzen, auf der anderen Seite muss man sich aber fragen, inwiefern diese Differenzierung gesellschaftlich und durch mediale Darstellung befördert wird.

Was sind die Hintergründe für unterschiedliche Bereitschaft zur sportlichen Aktivität, warum wird Sport unterschiedlich aufgenommen? Gibt es Unterschiede bei der Körperwahrnehmung bei Mädchen und Jungen? Oder in bedienten Stereotypen? Wie gehen wir mit nicht-binären Menschen oder Transpersonen und Sport um? Gibt es überhaupt Vorbilder – in der Familie oder im sozialen Umfeld? Ich denke, da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle.

Unter anderem geht es auch darum, wie wir den Sport gesellschaftlich vorleben. In den USA war Fußball immer ein Frauensport, das war in Deutschland oder in den Niederlanden nicht so. Heute ist die Frauenfußballnationalmannschaft neben den USA eine der erfolgreichsten der Welt, einhergehend mit neuen, weiblichen Vorbildern. Natürlich spielt hierbei die mediale Inszenierung, meist mit dem Ziel der Vermarktung, eine große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir sehen also, wie letztendlich kommerzielle Aspekte die subjektive Entscheidung, sich sportlich zu betätigen, beeinflussen – und das womöglich auf geschlechtsspezifische Art.

Diese Vermischung von öffentlichem Einfluss und privater Entscheidung birgt natürlich Herausforderungen. Wir müssen einerseits in unsere sportlichen Angebote diese Geschlechtertrennung mit aufgreifen, um überhaupt sportliche Aktivität zu fördern. Andererseits müssen wir schauen, wie wir in Zukunft Stereotypen entgegenwirken können – indem wir zum Beispiel sehr früh, im Kindergarten- und Grundschulalter, schon unterschiedliche Beispiele und Vorbilder zeigen, Stereotypen aufdecken und neue Ansätze anbieten.

Kinder werden nicht mit Stereotypen geboren. Sie passen sich an das an, was sie sehen und was ihnen mitgeteilt wird. Da haben wir zwei Möglichkeiten anzusetzen: Einerseits haben die Familien großen Einfluss. Was wird vorgelebt, wie wird es thematisiert? Und weiter: Wie könnte durch Aufklärungskampagnen und Informationsangebote in den Kitas, in den Schulen, unterstützt werden?

Ein weiterer, bereits erwähnter Teil, sind die Medien und deren Einfluss. Heutzutage spielen vor allem im Alltag der Kinder und Jugendlichen soziale Medien eine sehr wichtige Rolle. Welche Bilder werden auch hier aufgegriffen und verbreitet und wie kann man die jungen Nutzer/innen über die Dynamiken, denen sie hierbei ausgesetzt sind, aufklären?


Ihre neue Arbeitsgruppe „Geschlechtersensible Medizin“ wird von einem divers zusammengesetzten zivilgesellschaftlichen Beirat, bestehend aus Patient/innen, potentiellen Nutzer/innen von Präventionsleistungen und weiteren Interessengruppen beraten. Was erhoffen Sie sich durch diese Zusammensetzung?

Unsere interdisziplinäre Arbeitsgruppe wird als Team relativ breit aufgestellt sein. Auch meine Arbeitsgruppe in den Niederlanden besteht aus Mediziner/innen, Psycholog/innen, Sozialwissenschaftler/innen, Designer/innen und Medienexpert/innen. Neben dieser breiten internen Aufstellung möchten wir uns gerne zusätzlich von Nutzer/innen, Kostenträger/innen, Vertreter/innen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützen lassen.

Ich erhoffe mir von diesem Beirat, dass er uns mit unterschiedlichen Perspektiven und Problematiken konfrontiert. Diese Menschen sind Expertinnen und Experten in ihren Bereichen, die uns die Grenzen unserer Ansätze aufzeigen können und sicherstellen können, dass unsere Projekte bei tatsächlichen Bedarfen anschließen. In den Niederlanden ist diese Vorgehensweise nicht nur üblich, sondern eine Voraussetzung, wenn man Forschungsförderung beantragt.

Es ist doch einleuchtend, dass wir nicht alles selber wissen können, dass wir unseren Input breiter einholen müssen und auf diese Weise einen „Resonanzkörper“ haben, der uns unterstützen kann. Unabhängig davon halte ich es auch für eine Möglichkeit, unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Wir versuchen die Versorgung für alle Geschlechter so gut wie möglich zu gestalten und dazu möchten wir auch differenzierte Meinungen einholen.


Welche Vorteile haben divers zusammengesetzte Teams?

Diverse Teams bringen meist innovativere Produkte hervor, die häufig langfristig erfolgreicher sind. Die Beleuchtung aus verschiedenen Perspektiven und die Identifikation von blinden Flecken von Anfang an kann die Erfolgschancen potenziell steigern. Man kann potenzielle „Fehler“ früher aufdecken und sie konstruktiv nutzen, um bessere Lösungen zu entwickeln.

In den Niederlanden ist es generell so, dass alle Dinge in diversen Gruppen erst einmal breit diskutiert werden. Es ist immer ein Prozess der Konsensfindung. Das dauert manchmal anfänglich etwas länger, allerdings geht es in der anschließenden Umsetzung oft viel schneller.

Wir müssen nun schauen, was wir davon in Deutschland in unserem Bereich nutzen können. Die beiden Wissenschaftssysteme sind in vielen Teilen unterschiedlich und haben beide ihre Vor- und Nachteile. Ich hoffe durch die „Brücken“-Struktur die erfolgreichsten Ansätze aus beiden Systemen zusammenbringen zu können. Es ist, sozusagen, ein organisations-bezogener Lernprozess.


Präventionsangebote sind oftmals nur dann wirksam, wenn sie passgenau auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Können Sie uns erfolgreiche Beispiele einer geschlechtersensiblen Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten nennen?

Es gibt einige Studien, v.a. im Forschungsbereich Herz-Kreislauf, im Gewichtsmanagement und im Bereich körperlicher Aktivität in den Lebenswelten der Menschen.

Beispielsweise gibt es das männerspezifische Programm „Football Fans in Training (FFIT)“ aus England. Vorab wurde sehr viele Jahre in Männlichkeitsforschung investiert. Aus diesen Erkenntnissen entstand dann ein dreimonatiges Bewegungs- und Ernährungsprogramm für übergewichtige Männer, in das die Lebenswelt, die Gruppenbildung und auch der Abbau von Scham einbezogen wurde. Das standardisierte Programm wurde in einer klinischen Studie evaluiert, die seinen Langzeiterfolg belegen konnte. Die Interventionsgruppe konnte selbst nach Ablauf der Intervention ihren Gewichtsverlust halten. Das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von übergewichtigen Männern in ihrer Lebenswelt wird unter dem Titel „Euro-FFIT“ nun in mehreren europäischen Ländern weiter untersucht und eventuell lokal angepasst.

Ähnlich arbeitet das Programm „Wise Woman“ aus den USA, das neben der Erforschung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens auch auf kardiovaskuläre Prävention durch Risikoreduktion abzielt. Dieses Programm berücksichtigt die Lebenswelt der Menschen und zusätzlich auch intersektionale Aspekte. Es richtet sich spezifisch an nicht- bzw. unterversicherte Frauen im Alter von 40-65 Jahren mit geringem Einkommen. Wise Woman wurde in mehreren Bundesstaaten in den USA an die lokalen Gegebenheiten angepasst und in bereits bestehende Strukturen integriert mit langfristigen Erfolgen.

Diese Beispiele zeigen, dass geschlechtersensible Programme sehr erfolgreich sein können, wenn sie genug differenziert sind, wenn also eine selektierte Gruppe angesprochen wird.

Ich denke im Bereich der zielgruppenspezifischen, partizipativen, geschlechtersensiblen Prävention können wir viel von der Aidspräventionsforschung lernen. Wie hat man zum Beispiel Menschen dazu gebracht, Kondome zu benutzen? Das funktioniert nicht mit Scham. Es funktioniert mit Aufklärung, es funktioniert, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden. Es wurden zum Beispiel ganz spezifische Interventionen entwickelt: In der homosexuellen Szene in San Francisco wurden beispielsweise Community-Organizer und Bar-Besitzer mit einbezogen. Sie hatten bestehende Netzwerke, waren in ihrer Rolle respektiert und konnten Menschen direkt ansprechen.

Diese Erfahrungen zeigen ganz klar, dass ein breiter geschlechtersensibler Ansatz, der auf Akzeptanz der Umstände und nicht auf Scham aufbaut, sehr erfolgreich sein kann. Es zeigt uns, wie wichtig die Einbindung von Geschlechtsaspekten als Querschnittsthemen im Design von Präventionsmaßnahmen ist.


Sie arbeiten mit einem internationalen Netzwerk von Fachleuten der geschlechtersensiblen Medizin und gehörten in den vergangenen Jahren der von der Europäischen Kommission (EU) geförderten Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ an. Was waren die Ziele?

Bei der EU-Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ ging es um zwei Aspekte: Es ging darum, bestehende Methoden weiterzuentwickeln und neue auszuarbeiten und die Begutachtungsprozesse der EU-Kommission transparenter zu gestalten.

Der Hintergrund ist folgender: Die EU-Kommission hat nicht die Befugnis, die Politik der Mitgliedsstaaten zu beeinflussen. Aber sie kann im Bereich „Gender Dimension“ Vorreiter sein. Die geschlechtersensible Forschungspolitik und -finanzierung auf EU-Ebene hat somit einen Leuchtturmeffekt. Neben den Strategien in der Forschungsförderung werden EU-Mitgliedsstaaten Unterstützung und Ressourcen im Bereich der Kommunikation, z.B. in Form von Webseiten und Trainings, angeboten, falls sie diesen Weg auch einschlagen wollen.


In manchen Ländern wird eine geschlechtersensible Herangehensweise in der Prävention und Gesundheitsförderung bereits umgesetzt. Was können wir von unseren internationalen Nachbarn lernen?

Ich denke, die Einbettung in die Lebenswelten ist extrem wichtig. Wir können viel aus dem globalen Süden lernen. Wenn wir uns anschauen, wie geschlechtersensibel, wie personenbezogen Gesundheitsleistungen dort gestaltet werden, um mit den Menschen in der Community ins Gespräch zu kommen, um Gesundheitsförderung und Prävention zu entwickeln – da können wir noch viel lernen. Es gibt zum Beispiel die „Promotores da Saude“ in Südamerika oder „Community Health Workers“ in vielen afrikanischen Ländern.

Das sind Menschen, die eine Ausbildung in grundlegenden Gesundheitsthemen bekommen und dann im Rahmen des Dorfes oder der Dörfer, in denen sie leben, die Menschen beraten. Sie organisieren zum Teil auch spezifische Veranstaltungen, aber viel der Präventionsaufklärung, die sie leisten, passiert im Alltag. Auf dem Marktplatz, beim Wasserholen, beim gemeinsamen Essen bereiten. Sie vermitteln dabei wichtige Gesundheitskenntnisse und -kompetenzen und finden aufgrund ihrer „Insider“-Rolle ganz leicht den Zugriff und die richtigen Worte.

Uns steht häufig eine Fülle von Informationen zur Verfügung und die Aufgabe besteht darin, diese verständlich und strukturiert an die Menschen zu vermitteln. Wie sich jetzt auch während der Pandemie gezeigt hat, haben wir zum Teil große Kommunikationsschwierigkeiten mit vielen und diversen Communities – und das sind nicht nur diejenigen, die Sprachbarrieren haben. Wenn es um einen Zugang zu den Lebenswelten geht, denke ich, dass wir sehr gut beispielsweise von Afrika oder Südamerika lernen können.


Inwiefern?

Dort werden Menschen erreicht, die innerhalb der Community sehr angesehen sind. Diese wiederum können Informationen weitergeben, die wir mit unseren Kanälen offensichtlich nicht erreichen. Es sind Ansätze, die viel mehr auf Zwischenmenschlichkeit basieren und Netzwerkeprozesse beinhalten, die wir so in Deutschland noch viel weniger nutzen.

Besonders im Bereich der geschlechtersensiblen Prävention hat sich gezeigt, wie die Einbindung der Lebenswelt und von Menschen, die Anerkennung innerhalb der Zielgruppe haben, sehr hilfreich sein kann. Wir müssen einerseits unsere Wahrnehmung von Expertise erweitern und überlegen, wie wir „Insider“ als Übersetzer von Präventionswissen einbinden können. Geschlechtersensible Ansätze, die Gruppendynamiken, Scham, Stereotypen und unterschiedliche Erwartungen berücksichtigen, können hier sicherlich einen innovativen Ansatz für die Zukunft darstellen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Prävention und GesundheitsförderungSchwerpunkt gesundheitliche Chancengleichheit (HealthEquity). Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione | Internistin, Master of Public Health und Organisationsberaterin. Professur für Geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld (DE) und Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud Universität in Nijmegen (NL). Mitglied der EU Expert*innengruppe „Gendered Innovations 2“. Schwerpunkte: Implementierung geschlechtersensibler Medizin, Methodenentwicklung und Prävention geschlechtsbasierter Diskriminierung.

Prävention und Gesundheitsförderung - 200 Jahre Sebastian Kneipp„Sebastian Kneipp hat den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt gestellt“

Ein Pionier der Prävention und Gesundheitsförderung feiert Jubiläum: Anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp werden die Verdienste des bekannten Pfarrers und Naturheilkundlers für sein ganzheitliches Gesundheitskonzept mit vielen Aktivitäten gewürdigt, erläutert der amtierende Präsident des Kneipp-Bundes e.V., Joachim K. Rudolph.

Der Kneipp-Bundes e.V., 1897 gegründet, ist die größte nicht-kommerzielle Gesundheitsorganisation in Deutschland. Hierzu zählen nicht nur die rund 500 Kneipp-Vereine in allen Bundesländern, sondern auch inzwischen mehr als 700 Kitas, Schulen, Seniorenheime und andere Settings, die vom Kneipp-Bund zertifiziert sind.

Herr Rudolph, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“! Sie haben viel vor – auch die Bundesregierung beteiligt sich anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp mit einer Fördersumme. Welche Aktivitäten sind deutschlandweit geplant?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Das Interesse der Bundesregierung an unserem Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“ und die finanzielle Unterstützung empfinden wir als große Wertschätzung. Wir würdigen ja nicht nur den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp, der den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt hat, sondern auch den Begründer eines anerkannten, ganzheitlichen Gesundheitskonzepts, das von der deutschen UNESCO-Kommission auf die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Insofern war Sebastian Kneipp auch Visionär, der durch sein vorausschauendes Denken die Welt veränderte.

Das Jahr „Kneipp 2021 – 200. Geburtstag von Sebastian Kneipp“ feiern wir mit einem bunten Strauß an Aktivitäten. Neben Mitmachaktionen für die Bürgerinnen und Bürger ist es uns ein Anliegen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den hohen Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung zu lenken.

Am 2. Mai hat unser großer Jubiläumsauftakt als Hybridveranstaltung stattgefunden. Die Aufzeichnung, inklusive der Live-Zuschaltung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und vielen VIPs, kann dauerhaft bei YouTube angeschaut werden.


Vor 200 Jahren, am 17. Mai 1821, wurde Sebastian Kneipp in Stephansried in Oberschwaben geboren.

Der Sebastian Kneipp Tag am 17. Mai ist ja schon lange im Gesundheitstage-Kalender der BZgA eingetragen und wird jedes Jahr bundesweit gefeiert.

Zum diesjährigen Jubiläum finden für die gesamte Bevölkerung deutschlandweite Aktionstage zu den fünf Elementen Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung statt. Alle Termine befinden sich auf unserer Jubiläumswebseite – www.kneipp2021.de.

Weiterhin wird eine von der Charité durchgeführte Studie zur Kneippschen Hydrotherapie gefördert. Die Ergebnisse werden im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums am 30. Oktober vorgestellt und diskutiert.

Für Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 16 veranstalten wir einen bundesweiten Kreativ-Wettbewerb, die „Kneipp-Challenge“. Hier geht es um die eigenen Gesundheitsstrategien und Verhaltensregeln in Zeiten der Pandemie. Beteiligen können sich Schulklassen, aber auch einzelne.

Und schließlich beginnen wir mit der Umsetzung eines lang ersehnten Vorhabens – der Erstellung eines digitalen und interaktiven online-Verzeichnisses aller Kneipp-Anlagen in Deutschland.


Wie hat es der Pfarrer Sebastian Kneipp erreicht, weltweit Menschen in allen Lebensphasen und in allen Gesellschaftsschichten bis heute für Prävention und Gesundheitsförderung zu begeistern und zu „Kneippianerinnen und Kneippianern“ zu machen?

Sebastian Kneipp war ein Menschenfreund und „ein Mann des Volkes“. Er kam selber aus sehr ärmlichen Verhältnissen, war aber dennoch fest entschlossen, seinen Traum, Pfarrer zu werden, umzusetzen. Hierfür hat er hart gearbeitet und musste dabei auch schwere Rückschläge überwinden. Entsprechend seines Leitspruchs „Gesundheit für alle“ hat er sich Zeit seines Lebens besonders auch für die ärmeren Menschen eingesetzt und seine Lehre stetig weiterentwickelt.

Die Basis hierfür bildet ein niedrigschwelliges Gesundheitskonzept. Als Wohltäter gründete er in Bad Wörishofen die Kneippschen Stiftungen und in seinen vielen Vortragsreisen fesselte er mit seiner einfachen, aus dem Herzen kommenden Sprache. In Folge kam es zur verstärkten Gründung von Kneipp-Vereinen. Er reiste aber auch durch ganz Europa, wobei ihn Schätzungen zufolge ca. eine Million Zuschauer erlebt haben sollen. So wurde er bis in die USA hin berühmt.


Die Kneippschen Naturheilverfahren messen sich auch an der heutigen Wissenschaft: Vor Kurzem wurde ein systematischer Review der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung der Kneipp-Therapie in Auftrag gegeben.

Lassen Sie mich gleich zu Beginn betonen: Die wissenschaftliche Erkenntnislage zur Wirkung der Kneipp-Therapie ist in manchen Bereichen noch lückenhaft. Während es zu den Elementen Heilpflanzen (Phytotherapie), Bewegung (Physiotherapie) und zunehmend auch zur Lebensordnung (Ordnungstherapie/Mind-Body-Medizin) schon einiges an Forschung gibt – zum Teil sind diese Elemente ja auch schon in die konventionelle Medizin integriert – mangelt es vor allem an Studien zur Hydrotherapie. Nebenbei bemerkt – es gibt rund 120 verschiedene Wasseranwendungen! Die meisten dieser Studien sind durch Stiftungsprofessuren erfolgt, dies kann und darf aber kein Dauerzustand sein.

Vor allem nicht angesichts der Zunahme an lebensstilbedingten, chronischen Erkrankungen und, ganz aktuell, der zu bewältigenden gesundheitlichen Langzeitfolgen der Pandemie. Wir verbinden daher unser Jubiläumsjahr mit dem Appell an die Bundesregierung, in der kommenden Legislaturperiode einen Etat für die weitere Erforschung dieser Methoden bereitzustellen.


Worum geht es bei der geplanten Studie?

Bei der geplanten Studie handelt es sich um eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, ein Review, der Charité-Universitätsmedizin, die den aktuellen Forschungsstand zur Kneippschen Hydrotherapie zusammenfasst. Die Erkenntnisse sollen dieses Jahr im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht und bei unserem wissenschaftlichen Symposium am 30. Oktober in Berlin im breiteren Kreis diskutiert werden. Wir wollen hiermit auch zeigen, wie lohnend es ist, in die Erforschung der klassischen Naturheilverfahren als Beitrag zu Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren.


Wie gelingt es, die Lehre Sebastian Kneipps und die Kneippschen Naturheilverfahren aktuell zu halten und an heutige Lebensweisen und Ansprüche anzupassen? Und, noch weitergedacht: Wo sehen Sie die Kneippsche naturkundliche Gesundheitslehre in der Zukunft?

Die Kneippsche Gesundheitslehre wurde stetig auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse weiterentwickelt. Auch wenn unsere Wurzeln in der Traditionellen Europäischen Medizin liegen, sind sie heute unverzichtbarer Bestandteil einer modernen Medizin. Unser Ansatz basiert auf dem Prinzip der Salutogenese, unsere Angebote sind niedrigschwellig. Sie setzen sehr stark auf die Verantwortung jedes Einzelnen, regelmäßig etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Gesund bleiben heißt auch „aktiv bleiben“. Auch die vielen Angebote unseres Aus- und Weiterbildungsinstituts Sebastian-Kneipp-Akademie spiegeln die aktuellen Entwicklungen wider – bei uns gibt es keinen Stillstand.

Die Kneippschen Naturheilverfahren leisten daher einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Und das nicht nur in Deutschland. Wir sind ja auch über die Grenzen hinaus aktiv, so beispielsweise im europäischen Umfeld, aber auch in Asien, Südkorea und China, und vereinzelt auch in Nord- und Südamerika. Hier versucht sich unsere internationale Konföderation Kneipp Worldwide auch verstärkt in die Diskussion über „Globale Gesundheit“ mit einzubringen.


In Zeiten der Pandemie ist eine Stärkung des Immunsystems besonders wichtig. Am besten also gleich mit dem Kneippen anfangen. Wie lautet Ihr persönlicher Praxistipp für unsere Leserinnen und Leser?

Abhärtung, gesunde Ernährung, Bewegung und eine gesunde Tagesstruktur sind wichtige Faktoren zur Stärkung des Immunsystems. Für mich persönlich gehört die morgendliche kalte Dusche zum Start in den Tag. Entscheidend ist, dass man seine Lieblingsanwendung auch wirklich jeden Tag betreibt. Auf die Regelmäßigkeit und die gesunde Balance kommt es an.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE).

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Joachim K. Rudolph | Dipl.-Oec., Joachim K. Rudolph begann seine „Kneipp-Karriere“ 1993 im Vorstand im Kneipp-Verein Berlin und ab 1994 als 2. Vorsitzender beim neugegründeten Landesverband Berlin-Brandenburg. 2008 gründete er den eigenen Kneipp-Verein Niederbarnim in Bernau, dem er bis heute vorsitzt. Außerdem ist er Geschäftsführer der Kneipp-Kita Spandau. Seit Oktober 2009 gehört Joachim Rudolph als Vizepräsident dem Bundespräsidium an. Anfang 2021 übernahm er das Präsidentenamt des Kneipp-Bundes e.V. für den ausgeschiedenen Klaus Holetschek, MdL.

Der Kneipp-Bund e.V. ist mit seinen rund 500 Kneipp-Vereinen und 700 zertifizierten Einrichtungen die größte private deutsche Gesundheitsorganisation. Seit 1897 setzt sich der Dachverband für einen gesunden und naturverbundenen Lebensstil ein und erreicht insbesondere durch das ehrenamtliche Engagement der Kneipp-Vereine rund 200.000 Menschen, die regelmäßig mit den Kneippschen Naturheilverfahren in Berührung kommen. Im Dezember 2015 wurde das „Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ von der Deutschen UNESCO Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.